Warum es trotz Konjunktur-Talfahrt noch etwas zu lachen gibt

Die Stunde der Clowns

Die Welt steckt in der Rezession - höchste Zeit also für das Parlament der Spaßmacher, das jetzt in Dresden über die Bühne ging. Es kann die Krise zwar nicht beenden. Aber mit Clowns ist sie leichter zu ertragen.

Dresden. Das "indische Reinigungslachen" geht ungefähr so: Augen aufreißen, Mund aufreißen, drei herzhafte "Ha! Ha! Ha!" und ein locker hinterhergegurgeltes "Hohohohiho". Anschließend die Hände auf den Bauch und zum erneuten "Hohohohiho" mit dem Oberkörper weit nach vorn und ebenso ausladend zu den Seiten wackeln. Wer dabei im Dresdner Schauspielhaus versehentlich gegen seinen Sitznachbarn rempelt, hat nichts zu befürchten. Die bereits im Foyer großzügig verteilte knallrote Lippenstiftfarbe auf der Nase senkt die Hemmschwelle, außerdem hat man sich heute Abend, nach Instruktion des anwesenden Lach-Yoga-Trainers, schon kräftig ins Fäustchen gelacht. Und zwar gegenseitig.

So sieht es aus, wenn in Dresden das erste internationale "Parlament der Clowns" zusammentritt. Die Menschen biegen sich buchstäblich vor Vergnügen. Wer hätte gedacht, dass sie das noch können. Während die Welt in der Krise versinkt, die Kanzlerin ein Jahr der schlechten Nachrichten ausruft, traditionsreiche Firmen die Pleite vermelden, Banken ihren Ruin eingestehen und ganze Staaten keine Sicherheit mehr garantieren können, schien man sich zuletzt quer durch alle Gesellschaftsschichten, von der gefeuerten Kassiererin bis zum glücklosen Investmentbanker, doch wenigstens in einem einig zu sein: dass es nun aber wirklich nichts mehr zu lachen gibt.

Das sieht Antoschka anders. Berufskrankheit. "Wenn der Mensch nichts mehr zu verlieren hat, kann er auch wieder lachen", glaubt die russische Initiatorin des Clownsparlaments, die als ehemaliger Starclown des Moskauer Staatszirkus zu den wenigen international erfolgreichen weiblichen Vertretern ihrer Zunft gehört und mit ihrer eigenen Herkunft auch gleich den Beweis ihrer These antritt: In Sibirien, wo sie als Ekaterina Moshaewa geboren wurde, habe man auch unter härtesten Umständen gar nicht erst weinen dürfen , erklärt sie beim gemeinsamen Essen am Vorabend der öffentlichen "Parlamentssitzung", lässt den orangefarbenen Tüll-Schmetterling, der auf ihrem linken Zeigefinger sitzt, flattern und schickt einen treuherzigen Augenaufschlag hinterher. "Weil in Sibirien die Tränen ja sofort gefrieren!" Wer mit Clowns zu Abend isst, muss sich an Clownsargumente gewöhnen.

Der Small Talk rankt sich um die Branche ("Der Cirque du Soleil ist eine Fabrik, sage ich euch!"), Publikumserfahrungen ("Die Russen sind zu verwöhnt von guten Clowns!") und abwesende Kollegen ("Die Nummer war so schlecht, dass nicht mal die Soldaten im Publikum gelacht haben!"). Antoschka, auch ohne Kostüm und Perücke eine energiegeladene kleine Koboldfrau mit rotem Haar und von Trägern gehaltenen Leinenhosen, springt auf und fasst ihr Gegenüber vertraulich am Arm. "Es gibt zwei Reaktionen darauf, dass ein Luftballon platzt", sagt sie. "Lachen oder weinen. Und weinen bringt ja nichts. Mit dem Lachen aber heilt sich der Mensch."

"Planet of Smiles", Planet des Lächelns, hat sie ihr Parlamentsprojekt also genannt, und verbreiten sollen diese Botschaft - standesgemäß im Rahmen einer Bühnenshow - die von ihr nach Dresden geladenen professionellen Spaßmacher. Pepa Plana aus Spanien, Direktorin des Frauen-Clownfestivals Andorra, Olli Hauenstein aus der Schweiz, Starclown bei Roncalli, Pantomime Rainer König, einst Mitglied der DDR-Truppe Salto Vitale, ein Kollege aus Großbritannien, ein Absolvent der Clownschule Mainz, ein Schwung Dresdner "Medi-Clowns" sowie deren Ikone: der US-Amerikaner Patch Adams, dessen Leben mit Robin Williams in der Hauptrolle fürs Kino verfilmt wurde, Vorreiter der Klinikclowns und vermutlich der Einzige seines Standes, der auch im Alltag ausschließlich krachbunte Clownoutfits trägt. Man komme so viel leichter ins Gespräch mit Menschen, sagt er, und es ist ihm ganz ernst. Er besitzt nicht einmal mehr eine Jeans.

Dass das eigentlich bereits vor zwei Jahren gegründete "World Parliament", zu dessen "Ehrenclowns" auch Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Bariton Thomas Quasthoff gehören, ausgerechnet jetzt zum ersten Mal öffentlich auftritt, ist kein Zufall. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, schlägt die Stunde der Clowns. Kopfstehen macht ihnen keine Angst.

Nichts weniger als eine Initiative "gegen die lähmende Gleichgültigkeit hin zu einer energiegeladenen und verantwortungsvollen Denkweise" will das Projekt sein. "Regierungen und Unternehmen haben gezeigt, dass sie es nicht können. Jetzt muss die Zivilgesellschaft selbst einen Schritt tun", findet Antoschka. Und die Clowns machen den Anfang. Weil die Welt im Chaos ist und ein Clown damit in seinem Element. Einen Masterplan gibt es längst: "Clown zu sein heißt Liebe zu geben. Wer Liebe gibt, wird glücklicher." So einfach ist das. Und wer das naiv findet, muss damit rechnen, ein Zyniker genannt zu werden. Die nach Dresden gereisten Clowns jedenfalls eint eine rührende Entschlossenheit.

Die Idee zum Parlament der Clowns kam Antoschka, als sie vor drei Jahren gemeinsam mit Patch Adams zu einem Symposium über "Ethik und Business" ins Europaparlament nach Brüssel eingeladen wurde. Sie waren selbstverständlich in Berufskleidung erschienen und wurden von einem übereifrigen Sicherheitsmann prompt des Gebäudes verwiesen - mit den lehrreichen Worten: "Das Europaparlament ist doch kein Zirkus!" "Rrreally?", hat die kleine Koboldfrau da mit russisch geschnurrtem R gefragt. Und die Antwort gleich selbst geliefert: "Wenn im Parlament nur Clowns sitzen würden, ginge es der Menschheit besser."

So sieht es auch Patch Adams, der es als persönliche Beleidigung empfindet, wenn ein Politiker als Clown bezeichnet wird. "Ich will diese Welt verbessern", sagt er mit dröhnender Stimme und steckt sich noch vor dem Nachtisch zur Erheiterung der anderen Clowns - und irritierten Verblüffung aller übrigen Restaurantgäste - einen spaghettilangen Gummipopel in die Nase. Patch Adams ist, auch wenn diese Szene das Gegenteil zu beweisen scheint, der Ernsthafteste, ganz sicher der Entschiedenste unter den Geladenen. Der große Kerl mit dem zum Lächeln gedrehten Zwirbelschnauzer trägt schon zum Frühstück wild bedruckte Pluderhosen, zur Quietscheentchen-Krawatte eine rote Brille, an seinem linken Ohr baumelt eine kleine Gabel. Immer bei sich hat der 64-Jährige eine Furzmaschine, kleine Filzherzen zum Verschenken, eine Handvoll Luftballons und zwei rote Nasen. Eine für sich, eine für seine Gesprächspartner. Distanz ist nicht seine Stärke.

"Ich habe mich entschieden, glücklich zu sein", erklärt er, "und ich habe seit 45 Jahren keinen einzigen schlechten Moment in meinem Leben gehabt. Der Sinn des Lebens ist es doch, Liebe zu geben. Oder kennen Sie einen besseren?" Niemand hat ihm jemals mit einem Nein auf diese Frage geantwortet. Was Antoschka mit dem Parlament der Clowns an einem Abend in Dresden erreichen möchte, lebt er längst vor. Patch Adams ist der Missionar unter den Clowns, und das ist nicht immer lustig.

Nach einem Selbstmordversuch in jungen Jahren hatte er das Bedürfnis, die in der Therapie erfahrene Zuversicht weiterzugeben. Er studierte Medizin und begann, als Clown in Krankenhäuser zu gehen, nachdem ihm aufgefallen war, dass es dort niemandem so recht gefiel: den Besuchern nicht, den Ärzten und Schwestern nicht und den Patienten sowieso nicht. Patch Adams brachte Farbe in die Krankenhaus-Tristesse, sein simples Konzept überzeugte rasch. 67 Länder hat er für seine Vision einer fröhlicheren Welt bereist, in mehr als 100 Ländern gibt es Klinikclowns nach seinem Vorbild. Patch Adams besucht gemeinsam mit anderen Freiwilligen Flüchtlingscamps und Elendsviertel, Kriegsschauplätze und Krisengebiete. Es ist zu seinem Lebenssinn geworden, Sterbenden die Hand zu halten, mit Kranken zu singen, Trauernden ein Lächeln zu schenken. Mit einem Stoffhuhn auf dem Kopf. Mit einer Gumminase im Gesicht. "Geben gibt Energie", sagt er, und Antoschka pflichtet ihm bei. Das sei die eigentliche Botschaft des Parlaments der Clowns, sagt sie: "Wenn du glücklich sein willst, musst du anderen helfen. Nicht schrumpfen. Lachen! Über sich selbst. Über den Tod. Dann kommt das Glück."

Das Bühnenprogramm im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus soll den Zuschauern von all dem etwas bieten. Poesie, Komik, ruhig auch Sentimentalität. Der Schmetterling ist das Symbol des Abends. So wie aus seinem Flügelschlag ein Orkan werden soll, wollen die Clowns "mit einem Lächeln eine Welle entfachen". "Die Kunststücke sind dafür nur ein Mittel", sagt Antoschka, und Patch Adams geht sogar noch weiter: "Clown zu sein ist nur ein Instrument." Und so nutzen sie alle, ein jeder auf seine Weise, die Instrumente und Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen. Antoschka balanciert auf einer blauen Erdkugel, Pepa Plana säugt eine Suppenkelle, Olli Hauenstein rodelt als befrackter Pinguin vom aufgeklappten Konzertflügel. Indisches Reinigungslachen im Parkett und in den Rängen.

Erst als Patch Adams kurz vor Ende der Veranstaltung einen Videoausschnitt aus einer seiner Reisen einspielt, gerät für einen verstörenden Moment die Realität in diese Illusion der Unbeschwertheit: Auf großer Leinwand sieht das Publikum, wie ein afghanisches Mädchen ohne Narkose am offenen Rücken operiert wird, die einzige Ablenkung ihrer furchtbaren Schmerzen sind die anwesenden Klinikclowns. Es ist ein beklemmender Moment, in dem das eben noch so befreite Lachen einer absoluten Stille weicht. Die Botschaft ist deutlich: Die Welt ist grausam - das ist erst recht kein Grund, nicht zu lachen. Es gibt Momente, in denen die Anwesenheit eines Clowns von existenzieller Bedeutsamkeit ist. Denn ein Clown ist kein Comedian. Es reicht ihm nicht, das Zwerchfell zu kitzeln, er möchte Kopf und Herz berühren. Am Ende gibt es Standing Ovations.

"Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist", hat Mutter Teresa gesagt. Ein wahres Clownsgebot.

Nach der Vorstellung beginnt es draußen zu regnen. Es ist kalt, der Theatervorplatz ist leer, auf dem nassen Asphalt spiegelt sich schmutziges Wintergrau. Ein Rentnerehepaar - sie sind die Letzten, die das Foyer verlassen - knöpft sich die Daunenjacken zu. "Und?", fragt eine Lokalreporterin mit müder Stimme, "was nehmen Sie denn aus so einem Abend mit?" Der Rentner hebt seine linke Hand. Er hält darin einen leuchtend gelben Luftballon. Er lächelt leise, wünscht einen schönen Abend, hakt seine Frau unter und geht.