Heimatlos: Wie aus der Tochter des Sultans die Hamburger Bürgerin Emily Ruete wurde

Die verbotene Liebe der Sansibar-Prinzessin

Sie lebte wie in einem Märchen aus 1001 Nacht. Doch für einen hanseatischen Kaufmann gab Salme alles auf und riskierte ihr Leben. Erinnerungen an das Schicksal einer starken Frau, die den Palast gegen eine fremde Welt tauschte.

Hamburg. Einmal noch die würzige Luft einatmen, dem Rauschen des Indischen Ozeans zuhören - es müssen solche Dinge gewesen sein, die Emily Ruete 1888 auf Sansibar mit Wehmut erfüllt haben mögen, als sie wieder an Bord eines Schiffes ging. Vermutlich ahnte sie, dass es ihr letzter Besuch in der Heimat gewesen war. Jetzt blieb ihr nur das bisschen Sand, das sie kurz zuvor am Strand in einen kleinen Beutel gefüllt hatte, den sie nun zeitlebens bei sich tragen sollte.

Zwei Jahrzehnte zuvor hatte sie Sansibar schon einmal verlassen müssen. Heimlich hatten Helfer die damals 22-Jährige an Bord eines britischen Kriegsschiffes gebracht. Eine arabische Prinzessin, Tochter des Sultans und schwanger geworden von dem jungen Hamburger Kaufmann Heinrich Ruete, dessen Namen sie annahm. Es war eine verbotene Liebe zu einem Ungläubigen, die sie in Todesgefahr bringen konnte. Sie entschloss sich zur Flucht und zu einem Leben mit Heinrich in dem fernen Hamburg. Aus der Prinzessin Salme von Sansibar und Oman wurde die hanseatische Bürgergattin Emily Ruete. Ein kurzes Glück nur. Drei Jahre später starb Heinrich bei einem Unfall. Den kleinen Kindern zuliebe blieb sie im wilhelminischen Deutschland, fühlte sich in dieser andersartigen Welt aber fremd: "Ich verließ meine Heimat als vollkommene Araberin und als gute Mohammedanerin, und was bin ich heute?", schrieb sie in ihren Erinnerungen, "eine schlechte Christin und etwas mehr als eine halbe Deutsche".

Ihr für die damalige Zeit ungewöhnliches Schicksal zwischen zwei Kulturen ist jetzt zentrales Thema eines neues Buches, das die aktuellen und historischen Verbindungen zwischen Hamburg und Sansibar beleuchtet. Aus aktuellem Anlass: Vor 150 Jahren unterzeichnete der Sultan von Sansibar einen Freundschaftsvertrag mit den Hansestädten Hamburg, Lübeck und Bremen.

Hamburger Kaufleute nutzten seinerzeit die guten Beziehungen zu dem muslimischen Herrscher, um ihren Ostafrika-Handel auszubauen. Die verbotene Liebe zwischen dem Hamburger und der Prinzessin Salme störte deshalb manchen Kaufmann. Doch die beiden setzten sich darüber hinweg, und Salme wagte den Sprung in eine andere Welt.

Bei ihren Nachkommen in Deutschland und den USA ist sie wohl gerade wegen dieses unbeirrbaren Willens in Erinnerung geblieben. "Die Prinzessin" wird sie noch heute von ihnen genannt: "Als Kind faszinierte uns die exotische Geschichte, später waren es ihre starke Persönlichkeit und ihr Mut", sagt etwa der Münchner Erich Schwinge (39), ein Ururenkel von Emily Ruete. Hochachtung habe er vor allem für ihre Leistung, den Kindern trotz widriger Umstände eine gute Startposition verschafft zu haben, sagt der BMW-Ingenieur, der viel für sein Unternehmen in China arbeitet. Wie viele der Nachfahren von Emily Ruete ist Schwinge ein Kosmopolit. Und das sei wohl auch ein Verdienst der Prinzessin, glaubt er. Bei der Erziehung ihrer Kinder und Enkel habe sie eben viel Wert darauf gelegt, dass die eigenen Wurzeln in verschiedenen Kulturen als ein großer Reichtum begriffen werden.

Tatsächlich aber war der Prinzessin zunächst ein völlig anders Leben vorgezeichnet: 1844 wird sie auf Sansibar geboren - als Tochter einer aus dem Kaukasus verschleppten Sklavin, die zu einer Nebenfrau des Sultans von Oman und Sansibar geworden war. Sie wächst in orientalisch geprägtem Luxus mit 35 Halbgeschwistern auf. Ein sehr außergewöhnliches Mädchen, wie sich bald zeigt. Die junge Prinzessin bringt sich selbst das Schreiben bei, lernt von ihrem Bruder, einem späteren Sultan, Reiten und Schießen. Als Zwölfjährige, nach dem Tod des schon älteren Vaters, erbt sie drei Nelkenplantagen und führt die Geschäfte. Ihre Mutter stirbt bald während einer Cholera-Epidemie

1864 begegnet sie Heinrich Ruete, der als Repräsentant der Hamburger Handelsfirma Hansing & Co auf der Insel lebt und perfekt die dortige Sprache beherrscht. Die beiden treffen sich immer häufiger und verlieben sich. Ihr Geheimnis lässt sich 1866 nicht mehr verbergen, Salme ist schwanger geworden. Als sie im vierten Monat ist, beschließt sie ihre Flucht. Mithilfe des britischen Konsuls gelangt sie an Bord eines britischen Kriegsschiffes, das mit Ziel Aden ablegt.

Heinrich versucht verzweifelt, beim Sultan Verständnis für die Beziehung zu finden. Er wird abgewiesen, zur Verwunderung vieler Europäer auf Sansibar bleibt er aber unbehelligt. Unklar ist bis heute geblieben, ob die beiden tatsächlich in Todesgefahr sind, oder ob sich ihre Familie mit dieser "Flucht" arrangieren kann. In Aden trifft Salme vor Heinrich ein. Am 7. Dezember 1866 wird dort ihr Sohn Heinrich jr. geboren und getauft. Auch sie lässt sich christlich taufen und nimmt den Namen Emily an. Noch in Aden heiraten Heinrich und Emily, brechen mit Ziel Hamburg bald wieder auf. Eine beschwerliche Reise mit Schiff und Eisenbahn, die der Säugling nicht überlebt. In ihren Memoiren findet sich darüber aber kein Wort. Zu groß muss die Trauer gewesen sein, vermutet die Familie heute.

In Hamburg werden ihre drei Kinder Antonie Thawka, Rudolph-Said und Rosalie Guza geboren. Emily lernt Deutsch, kämpft mit den ungewöhnlichen Lauten. Und sie beobachtet mit Staunen das bürgerliche Leben in Hamburg, wo ihrer Meinung nach oft das Geld mehr zählt als menschliche Wärme, wie sie in ihren Erinnerungen andeutet. Die junge Familie richtet sich aber im gemieteten Haus an der Schönen Aussicht 29 auf der Uhlenhorst gemütlich ein. Die Familie von Heinrich nimmt sie freundlich an und Emily bemüht sich, ihren Haushalt so zu führen, wie man es von einer hanseatischen Bürgerin erwartet.

Am 6. August 1870 dann der schwere Schicksalsschlag: Als Heinrich von einer der neuen Pferde-Straßenbahnen springen will, rutscht er aus und wird überfahren. Wenige Tage später stirbt der erst 31-Jährige. Plötzlich ist Emily allein mit drei kleinen Kindern. Ohne wirkliche Verbindung in die Gesellschaft und ohne wirkliche Freunde. Emily Ruete muss nun erfahren, dass auch in Europa Frauen wenige Rechte besitzen. Vormünder sollen das Erbe ihres Mannes verwalten - und bringen es bald durch. Sie zieht mit ihren kleinen Kindern in andere deutsche Städte. Verdient Geld als Arabisch-Lehrerin und Übersetzerin. Immer wieder versucht sie erfolglos, Kontakt mit der Familie auf Sansibar aufzunehmen. Auch dort wird ihr ein Erbe verweigert.

1885 reist sie mit den Kindern an Bord eines deutschen Kriegsschiffes wieder nach Sansibar. Die Wirtschaft-Lobby in Deutschland verlangt nach neuen Kolonien und schielt auf Ostafrika. Sansibar gilt dazu als eine Art Sprungbett. Reichskanzler Bismarck nutzt dabei Emily Ruete für seine Interessen und lässt sie auf deutsche Staatskosten nach Sansibar reisen. Sollte ihr, der inzwischen deutschen Staatsbürgerin, Gewalt angetan werden, gäbe es einen Grund zum militärischen Eingreifen, so der Hintergedanke. Möglicherweise spekuliert das deutsche Reich auch darauf, dass Emilys Sohn Rudolph selbst einmal Sultan werden könnte. Emily Rute bleibt jedoch unbehelligt, einen Kontakt zu ihr lehnt die Sultansfamilie weiter ab. Später verliert Deutschland das Interesse an der Prinzessin, mit dem Helgoland-Sansibar-Vertrag regeln Deutsche und Engländer ihre Gebietsinteressen und der Sultan akzeptiert angesichts der militärischen Macht den Anspruch der Deutschen auf ostafrikanisches Gebiet. 1888 reist Emily Ruete noch einmal in ihre Heimat, doch stößt sie wieder auf Ablehnung.

Zwei Jahre zuvor sind ihre Memoiren erschienen, die zu einem Überraschungserfolg in Europa werden. Das märchenhafte Leben der Prinzessin fasziniert. Die Erinnerungen lösen bis heute aber auch Widerspruch aus: Auf Sansibar schuften Tausende Sklaven auf den Plantagen. Völlig selbstverständlich schreibt Salme über diese Zustände, die sie kaum kritisiert. Doch sie hält in dieser Frage den Europäern auch einen Spiegel vor: Auf Sansibar lassen auch Kaufleute aus Hamburg oder London Sklaven für sich arbeiten. Und sie vergleicht messerscharf mit den sozialen Zuständen in Hamburg. So schreibt die Prinzessin, deren Mutter selbst Sklavin gewesen war, beispielsweise: "Nirgends tritt der Kontrast zwischen armen und reichen Menschen so zutage, wie gerade hier im kalten Norden." Üppigen Luxus neben "herzzerreißender Armut" habe sie hier gesehen. "Unwillkürlich musste ich einmal denken, dass von hundert Sklaven gewiss keine zwei mit dieser Freiheit tauschen würden."

Als ihre Kinder erwachsen sind, verlässt Salme Deutschland und zieht in den Nahen Osten. Hier war sie wieder eine Fremde, aber eine Fremde unter vielen und in einer vertrauten, orientalischen Welt. "Zu dem Entschluss hat sicher auch viel Enttäuschung über Deutschland geführt", vermutet ihr Ururenkel Erich Schwinge. Lange lebt sie bei ihrem Sohn Rudolph, der deutscher Diplomat in Beirut geworden ist. Erst 1920 entschließt sie sich zur einer Rückkehr nach Deutschland. Die Sehnsucht nach der Familie ihrer Töchter, nach den Enkelkindern "ihren kleinen Deutschen" war wohl zu groß.

In Jena verbringt sie bei ihrer Tochter Rosalie, der Urgroßmutter von Erich Schwinge, die letzten Lebensjahre. 1924 stirbt die Prinzessin dort - ohne Sansibar jemals wiedergesehen zu haben. Ihre Kinder begraben ihre Urne aber auf dem Hamburger Friedhof in Ohlsdorf, neben dem Grab ihres Mannes. Den Sand aus ihrem kleinen Stoffbeutel legen sie hinzu.


Das Buch "Hamburg-Sansibar" ist bei der Landeszentrale für politische Bildung (Steinstraße 7, Mo - Do 13.30 - 18 Uhr, Fr, 13.30 - 16.30 Uhr) zu bekommen. Eine Neuauflage der Memoiren ist unter dem Titel "Leben im Sultanspalast" im Verlag Die Hanse erschienen.