"Hamburgs Sound" Podiumsdiskussion in der Musikhochschule

Was braucht die Musikstadt Hamburg?

Experten wie Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann, Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard und RockCity-Geschäftsführerin Andrea Rothaug sprachen über die Zukunft des Pop-Standorts Hamburg. Ein Fazit: Die Netzwerke sind gut, die Strukturen müssen aber finanziell stärker gefördert werden. Die Veranstaltung geriet zudem zu einem kleinen Treffen der hanseatischen Musikbranche.

Hamburg. Die in der Vergangenheit nicht unbedingt pop-affine CDU-Bürgerschaftsfraktion lädt unter dem Titel "Hamburgs Sound" zu einer Podiumsdiskussion in die Hochschule für Musik und Theater an der Alster. Und siehe da: Die als "Kulturlounge" angekündigte Veranstaltung gerät zum kleinen Branchentreffen. Veranstalter wie Hans-Werner Funke und Alexander Schulz (Reeperbahn-Festival), Labelbetreiber von Tapete Records und Audiolith, Lobbyisten von der Initiative Musik bis zum Verband Unabhängiger Musikunternehmen (VUT) sowie aktive Musiker, etwa Kettcar-Gitarrist Erik Langer, lauschten zum Aufwärmen zunächst der Performance der Hamburger Formation The Clintwood Show. Auch ohne ihren Schlagzeuger versetzten Timor Litzenberger und Stepha Zanella den Hörsaal mit ihrem Mix aus Elektro-Beats und Rap souverän in Schwingung.

Danach kamen gemäßigtere und teils auch weniger konkrete Töne aus Richtung Podium. Zur Einleitung zählte Brigitta Martens, Kultur-Sprecherin der Hamburger CDU-Fraktion, zwar beflissen die Pluspunkte der Pop-Hansestadt auf von Bands in den Charts über produktive Plattenfirmen und das Musikgründerzentrum Karostar bis hin zu Popkurs und Reeperbahn-Festival. Auch die Stärkung des Musik-Standortes als erklärtes Ziel der schwarz-grünen Koalition blieb nicht unerwähnt. Doch ihre Eingangsfrage "Was braucht die Musikstadt Hamburg darüber hinaus?" wurde nur in Ansätzen beantwortet.

Gitta Connemann, Bundestagsmitglied und ehemalige Vorsitzende der Enquetekommission Kultur, führte zunächst aus, was sich bundesweit verändern müsse. Pop müsse noch viel selbstverständlicher als Teil der Kultur wahrgenommen werden anstatt diesen Musikbereich wie so oft in seinem Bedeutungsgrad hinter der Klassik einzuordnen. Die 2007 vom Bund mit einem Startkapital von einer Million Euro gestartete Initiative Musik sei da nur ein winziger Schritt. Das 2003 gegründete Exportbüro, das deutsche Bands in internationale Zusammenhänge bringen sollte, sei nach drei Jahren geschlossen worden, da die Akteure an mangelnden Netzwerken gescheitert seien. Insgesamt agiere Deutschland auf dem Feld Pop noch zu zaghaft, für einen nachhaltigen Auftritt seien die Zuständigkeiten auf Bundesebene zu stark aufgefächert.

Senatsdirektor Hans-Heinrich Bethge, in Vertretung für Kultursenatorin Karin von Welck erschienen, griff diesen Aspekt auf und erklärte auch für Hamburg als oberstes Ziel, die Strukturen besser zu fördern. Wieviel Geld aus dem Haushalt konkret in welchen Bereich der Pop-Musik investiert wird, sagte er zwar nicht. Doch wie auch Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard betonte die Politiker stünden dem Thema offen gegenüber, die Kontaktwege seien kurz und zügig. So ist zum Beispiel Mitte Februar ein Treffen zwischen Von Welck und Musikklub-Betreibern geplant, um Bedürfnisse aus der Praxis kennenzulernen. Desweiteren beginne, so Bethge, im Frühjahr in Hamburg die so genannte Kreativagentur ihre Arbeit. Diese neue Institution, die vom Senat mit einer Million Euro zum Anschub finanziert wird, soll Künstler verschiedener Sparten vernetzen, beraten und ihnen günstige Räume organisieren. Der Senatsdirektor verwies jedoch darauf, dass die Pop-Szene mit dem Verein RockCity in der Hansestadt bereits eine solche Einrichtung besitze.

RockCity-Geschäftsführerin Andrea Rothaug plädierte dementsprechend auch dafür, vorhandene Strukturen verstärkt zu unterstützen statt neue zu erfinden. "Hamburg ist im positiven Sinne provinziell organisiert. Es gibt nur einen Kiez, die Wege sind kurz, die Szene kennt sich gut." Was einem Verein wie RockCity, aber auch den Labels und Künstlern fehle, sei monetäre Förderung, um die Pop-Acts über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu machen. "Wir arbeiten rund um die Uhr und sind finanziell am Limit", machte sie die Lage drastisch deutlich. Das Volumen an Bands und Solo-Artisten habe sich in den vergangenen sieben Jahren in Hamburg verfünfacht, erklärte Rothaug. Doch es mangele oft an Geld, um die Künstler über einen gewissen Punkt an Popularität hinaus zu bringen. "Es geht darum, Nachfrage zu generieren", zum Beispiel bei Festivals sowie Klubs, auch im Ausland.

Musikhochschul-Präsident Elmar Lampson sowie Deuflhard betonten zudem, wie wichtig eine musikalische Ausbildung bereits im frühen Kindesalter sei. Deufhard erläuterte in diesem Zusammenhang, dass sich Musikern durch das Unterrichten neue Verdienstmöglichkeiten eröffneten. Es müsse ja nicht immer der klassische Blockflötenunterricht sein. Auch Schlagzeug-Stunden im Kindergarten seien denkbar.

Bei der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wies Musikverlegerin Dagmar Sikorski darauf hin, dass junge Bands früher viel intensiver über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aufgebaut worden seien. Heute klinge der NDR wie jeder beliebige formatierte Privatsender. Auch Connemann kritisierte, dass sie bei den Öffentlich-Rechtlichen den Kulturauftrag vernachlässigt sehe. Als positives Beispiel wurde Ruben Jonas Schnell mit seinem Projekt ByteFM genannt. Das vor gut einem Jahr im Feldstraßen-Bunker gestartete Internetradio sendet rund um die Uhr journalistisch aufbereitete Musiksendungen. Ab Mitte März läuft dort auch ein Format, in dem deutsche Newcomer gespielt werden und das von der Initiative Musik unterstützt wird. Arbeitstitel: Anstoß. Kein schlechtes Motto auch für den Pop-Standort Hamburg.