Eine Stadt liest ein Buch

Uwe Timm: Seine Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" wird eine Woche lang die Hamburger beschäftigen. Ein Buch über die Nachkriegszeit.

ABENDBLATT: Sie sind gerade in Hamburgs Partnerstadt Shanghai, was machen Sie im Moment? UWE TIMM: Ich reise für das Goethe-Institut durch Japan und China. Die Germanisten in Japan hatten mich zu ihrer Jahresversammlung eingeladen. Ansonsten gab es Lesungen in Tokio, Osaka, Kyoto, in Hongkong und Shanghai. ABENDBLATT: Aus welchem Buch lesen Sie? TIMM: Aus dem neuesten, "Am Beispiel meines Bruders", lese ich nicht. Ich lese aus der "Entdeckung der Currywurst", wie könnte es anders sein. Es ist ins Chinesische übersetzt und gerade in China erschienen. ABENDBLATT: Kennt man Currywurst in China? TIMM: Nein, nein, natürlich nicht. Es geht ja auch nicht so sehr um die Currywurst. Es ist ja eigentlich eine Liebesgeschichte. ABENDBLATT: Dennoch lassen sich viele vom Titel verleiten und denken an die Wurst. Erst im zweiten Anlauf kommt man zum eigentlichen Thema des Buches. TIMM: Ja, das wird wohl so gelesen. Als das Buch zuerst in Taiwan erschienen ist, da hatten sie auch Currywürste gemacht. Das waren wirklich die seltsamsten, die ich gegessen habe. ABENDBLATT: Sie sind ein Experte für Currywurst? TIMM: War ich früher nicht, aber ich wurde es im Laufe der Zeit. Ich bin inzwischen ein Kenner. ABENDBLATT: Wie sind Sie überhaupt auf die Wurst gekommen? TIMM: Der Ausgangspunkt für dieses Buch ist die Erinnerung an eine Tante, die in der Brüderstraße wohnte und die ich als Kind besuchte. Da gab es eine Frau im Haus, von der erzählt wurde, sie habe kurz vor der Kapitulation einen Soldaten in ihrer Wohnung versteckt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Diese Frau hatte eine Imbissbude am Großneumarkt. Das ist authentisch, alles andere ist Fiktion. ABENDBLATT: Diese Lena Brücker ist eine Erfindung von Ihnen. Gibt es Frauengestalten, an die Sie beim Schreiben gedacht haben? TIMM: Das ist sehr schwer zu sagen. Es ist keine konkrete Person, die ich nachgeschrieben habe. Aber diese Frau, die den Imbissstand hatte, das ist meine Erinnerung, bei ihr habe ich als Kind 1947 eine Currywurst gegessen. Ich war oft bei dieser Tante und habe da in der Küche gesessen. Das ist in der Novelle beschrieben. Das ist eine sehr spannende Küche gewesen, weil da die Nutten saßen, die Schieber, buntes Volk. Außer der Tante gab es einen Onkel, der sehr viel Zeit für Kinder hatte. Mit dem muss ich an diesem Stand gewesen sein. Lena Brücker ist eine dieser wunderbaren Frauen, von denen es viele gab. Die haben den Großteil des Wiederaufbaus gestemmt, die waren sehr präsent damals. ABENDBLATT: In Ihrem neuesten Buch haben Sie auch Ihre Mutter porträtiert. Die hat wenig Ähnlichkeit mit Lena Brücker. TIMM: Ja. Eher geht ihr Umkreis ein, das, was sie erzählt hat. Das setzt sich zusammen aus ganz frühen Erinnerungen, die ich noch habe, Nachkriegserinnerungen vom Schwarzmarkt beispielsweise. Es war für mich als Kind faszinierend, mit dem Vater zum Schwarzmarkt zu gehen und dort die Leute zu beobachten. Ich weiß, was das für Anstrengungen waren. Das ist auch in der Novelle beschrieben. ABENDBLATT: Wie alt waren Sie? TIMM: Ich war sieben Jahre alt. ABENDBLATT: Vor zehn Jahren ist "Die Entdeckung der Currywurst" erschienen. Wie sehen Sie das Buch heute? TIMM: Ich habe ein gutes Gefühl bei der "Currywurst". Weil sie mir sehr nahe ist, weil ich zumindest die Stimmung wiedererkenne. So habe ich das als Kind empfunden und erlebt. Das berührt viele Sinne. Ich bin gerade hier in Shanghai und höre das ständige Tuten der Schiffe, was in Hamburg ganz selten geworden ist. Das ist eine Kindheitserinnerung. So ist auch die Erinnerung beim Schreiben gewesen. Ich bin dem sehr genau nachgegangen. Emotionen, Stimmungen, Gerüche, wie die Menschen damals miteinander umgingen, die Probleme und Ängste, die Hoffnungen und die Wünsche. Das ist für mich eine Reise in die eigene Erinnerung gewesen. ABENDBLATT: Die "Currywurst" ist auch ein erfolgreiches Buch . . . TIMM: Ja, es ist in mehrere Sprachen übersetzt. Offensichtlich gibt es auch in der Nähe des New Yorker Verlags die Currywurst. Die geht ihren Weg, hat sich längst von ihrem Urheber abgekoppelt. Der Streit zwischen Hamburg und Berlin darüber, wo die Currywurst erfunden wurde, reflektiert genau dies. Die Berliner regen sich immer noch wahnsinnig auf. Die haben jetzt einen Gedenkstein gesetzt, allerdings nur für eine bestimmte Soße. ABENDBLATT: Sie sind auf dem Laufenden . . . TIMM: Na ja, es gibt bei solchen Ereignissen immer Anrufe. Ich kann nur sagen, das ist Fiktion, das ist Literatur. Das Schöne ist, wenn Literatur umschlägt in die Realität. ABENDBLATT: Ihr neues Buch "Am Beispiel meines Bruders" ist ebenfalls ein Aufarbeiten und Erinnern an die Kriegszeit und an Personen, die Ihnen sehr nahe waren. Gibt es eine innere Verbindung zwischen beiden Büchern? TIMM: Es hat etwas mit der Erinnerungsarbeit zu tun. Beide Bücher sind mein Versuch, Erinnerung wieder produktiv zu machen, dass wieder die Sinne angesprochen werden. Der Unterschied ist aber, dass "Am Beispiel meines Bruders" keine Fiktionalität hat. ABENDBLATT: Ihr neues Buch ist auch ein politisches Buch. TIMM: Ja. Es sind reflektierende Momente drin. "Die Entdeckung der Currywurst" hingegen ist eine erzählende Novelle. Die alte Frau Brücker erzählt diesem Mann, der nur wissen will, wie die Currywurst entdeckt wurde, den Roman ihres Lebens. Sie arbeiten gegeneinander. Sie versucht ihn dazubehalten in der Wildnis ihres Altersheims. Und nachher hat er eine tolle Geschichte gehört. ABENDBLATT: Gab es so eine Situation auch für Sie? TIMM: Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Ich bin nicht nur ein Erzähler, ich höre auch sehr gern zu. Ich frage die Leute und merke mir, was die erzählt haben. Sehr schön konnte beispielsweise meine Mutter erzählen. Auch wenn es nicht diese Geschichte ist. ABENDBLATT: Wenn Sie nicht gerade Currywurst essen, was ist dann Ihr Lieblingsgericht? TIMM: Ich mag sehr gern Kartoffelbrei, Spinat und Bratei. Interview: RUTH KASTNER