Mein gefeierter Freund

Wolf Biermann gratuliert Ralph Giordano, dem Hamburger Publizisten und Autor der "Bertinis", der heute 80 Jahre alt wird.

Einen gediegenen Giordano-Kenner darf ich mich nicht nennen, aber innig befreundet mit Ralph, mit diesem alt gewordenen "Hamburger Jung' ", bin ich schon seit Jahrzehnten. Es werden in diesen Tagen berufene Fachleute über das Lebenswerk von Ralph Giordano lang schreiben und breit sprechen. Giordanos großer Familienroman "Die Bertinis" wird dabei in seiner Bedeutung besonders gewürdigt werden. Auch den hoch angesehenen "Bertinipreis" der Hansestadt Hamburg wird man bei dieser Gelegenheit erwähnen, weil er junge Leute ermutigt, sich gegen Unrecht und Diskriminierung und Intoleranz tapfer und vor allem: öffentlich zur Wehr zu setzen. Ich möchte aus Ralph Giordanos langer Lebensgeschichte eine wichtige Nebensache schildern, denn nur manche seiner Leser wissen wohl, dass dieser Schriftsteller und streitbare Publizist unmittelbar nach seiner Befreiung durch die Britische Armee in unserer Vaterstadt Hamburg Mitglied der Kommunistischen Partei wurde. Er hat damals viele Jahre als Journalist für die "Hamburger Volkszeitung" geschrieben, so hieß die Tageszeitung der Kommunisten. Wenn also dieser Ralph Giordano in genau jenen Nachkriegs-Zeiten Redakteur im Zentralorgan der KPD war, dann habe jedenfalls ich, ein 13 Jahre jüngeres Proletarierbalg und Kommunistenkind, dafür gesorgt, dass seine Artikel gelegentlich auch von Nichtkommunisten gelesen wurden, die im Laukamp Nummer 10, direkt am hohen Bahndamm, in Hamburg Langenhorn-Nord vorbeikamen. Meine Mutter Emma und meine Oma Meume und mein Cousin Kallemann lebten dort. Als "Ausgebombte" und als zurückgekehrte "Buten-Hamburger" war es uns gelungen, in dieser Arbeitersiedlung eine Wohnung zu mieten, in der ein gefürchteter Folterer im KZ Fuhlsbüttel gewohnt hatte, der übertrieben ängstlich abgehauen war, um sich die lästige Entnazifizierung zu ersparen. Zu der schmalen Scheibe im endlos lang hingestreckten Reihenhausbau gehörte auch ein schmaler langer Vorgarten, der am Bürgersteig endete. Damals hatte nun mein Onkel Kalli eine hölzerne Lesetafel zusammengezimmert - vier oder fünf Zeitungsseiten breit. Und die hat er dann, mit zwei Eisenstangen in den Boden gerammt, direkt vorn am Zaun aufgestellt. Ein Stückchen der schönen Hecke haben wir zu diesem höheren Zweck einer unmittelbaren Vorbereitung der Weltrevolution rausreißen müssen. Der Titel der kommunistischen Zeitung stand mit Ölfarbe darüber geschrieben. Und gelegentlich blieben Passanten stehen und lasen. Jahrelang klebte ich jeden Morgen nach dem Frühstück, noch schnell vorm Weg in meine Volksschule, unsere Volkszeitung dort vorn an der Straße auf das Brett. Immer ein bisschen zu spät, immer in Hast, immer fluchend und stöhnend, den letzten Bissen des Rundstücks kauend. Ich erinnere mich an den fetten Quastenpinsel und an den Wassereimer voll selbst gekochtem weißschleimigen Mehl-Kleber, mit dem ich jedes Mal die neue Ausgabe unserer Parteizeitung auf die vom Vortage draufklebte. Im eisigen Winter ein schmieriges Kunststück, im heißen Sommer eine schlabbrige Pflicht. Ich konnte solche Skrupel als Kind kaum ermessen, aber ich erinnere mich, wie meine Oma Meume sich darüber aufregte, dass wir in diesen Hungerjahren gutes echtes Mehl zum Kleben zweckentfremden mussten. Ja, mussten! Denn wenn ich bedenke, wie diese alte Genossin dachte und fühlte, dann weiß ich: Es hat sie getröstet und besänftigt, dass unser knappes Mehl als Klebstoff doch nicht vergeudet war, sondern eher eine aufklärerische Investition in die Zukunft Deutschlands. Bestimmt war diese alte Arbeiterfrau der Meinung, dass allerhand zwölf Jahre lang verblödete Heil-Hitler-Hamburger viel lieber als eine nahrhafte Mehlsuppe nun endlich ein paar unumstößliche Wahrheiten der Partei löffeln sollten. Und weil da jedes Mal die frischen Zeitungsblätter über die alten geklebt wurden, musste ich dann von Zeit zu Zeit die dick angeschwollene Schicht von dermaßen vielen Zeitungen mit der hart gewordenen Mehlpampe vom Holz lösen. Ich hasste diese elende Abreißerei mehr als das Draufkleben. Heute kann ich frech behaupten, dass ich all das im Grunde ja auch für meinen dermaleinst zukünftigen Freund Ralph Giordano gemacht habe. Jawohl!, mit meiner Hilfe erreichten seine journalistischen Werke auch ein paar Leser, die nie und nimmer Geld rausgeschmissen hätten für das Abonnement des hamburgischen Kommunistenblattes. Wenn ich heute an diese komische Konstellation denke, die Ralph Giordano und mich damals virtuell miteinander verband, dann bewegt das mein Herz auch aus einem weniger drolligen Grund. Mein Vater nämlich, der Schlosser und Maschinenbauer Dagobert Biermann, produzierte 1933 heimlich, nachdem Hitler die Macht erobert hatte, genau diese inzwischen verbotene Hamburger Volkszeitung. Er druckte mit einer primitiven Handpresse. Darüber hinaus hatte er auch selbst einen Artikel fürs illegale Blatt verfasst, was nach der Verhaftung vom Nazigericht strafverschärfend gewürdigt wurde. Er hatte einen Bericht geschrieben über den legendären Altonaer Blutsonntag 1932, bei dem vier junge kommunistische Arbeiter - ein Walter Möller, ein August Lütgens, der populäre Bruno Tesch und der junge Schuster Karl Wolff - verhaftet worden waren. Diese vier Hamburger waren dann sofort nach Hitlers Machtantritt von willfährigen Richtern mit einem kurzen Prozess zum Tode verurteilt worden. Am 1. August 1933 wurden die vier hier im Hof des Gerichtsgefängnisses Altona mit dem Handbeil enthauptet. Und weil der beamtete Henker gerade nicht zum Dienst hatte antreten können, war ein junger Schlachtermeister und Aktivist der NSDAP aus dem Hamburger Stadtbezirk Wandsbek von der Nazipartei dazu gebracht worden, auszuhelfen. Dieser Schweine- und Rinderschlachter hat dann die vier jungen Menschenköpfe auf dem Hackblock abgeschlagen. Man springt eben ein, wenn es nötig wird. Mein Vater war ja kein Journalist, sondern Arbeiter auf der Werft Blohm + Voss. Aber da nach Hitlers Machtantritt die originalen Journalisten und Drucker geflohen oder verhaftet waren, hat dann halt der Dagobert Biermann in einer Dachwohnung nahe dem Berliner Tor ihre Arbeit weitergeführt. Man springt eben ein, wenn es nötig wird. Und dass nach dem Kriege der junge Ralph Giordano genau für diese wieder legalisierte kommunistische Zeitung in Hamburg gearbeitet hat, ist für mich so, als ob er 1946 da angeknüpft hat, wo mein Vater 1933 hatte aufhören müssen. Es war eine naivkluge Begeisterung für die kommunistischen Heilserwartungen, und es war das Entsetzen über die Barbarei der Nazizeit, die einen jungen Mann wie Ralph Giordano zum Kommunisten machten. Die gleiche humane Substanz des kommunistischen Kinderglaubens an ein irdisches Paradies war dann aber auch der tiefere Grund für Ralph Giordanos radikalen Bruch mit den realen Kommunisten, also mit der stalinistischen Struktur im Parteiapparat, er wurde zu einem guten Verräter, zu einem scharfen Kritiker gegen die menschenfeindlichen Regime des sozialistischen Lagers. Es ist kein Wunder, dass gerade mich das tief bewegt, denn auch ich war tief beseelt von den Idealen einer kommunistischen Zukunft, wie meine Mutter sie mir schon in der Nazizeit schön einfach für meinen kindlichen Verstand ins Herz gepflanzt hatte. Das unterscheidet uns eben von den meisten Deutschen dieser Zeit: Wir merkten und erlitten den Stalinismus schärfer und zorniger und verzweifelter als die flott zu Demokraten umgebackenen Nazis. Wir wollten es erst nicht wahrhaben und mussten unter Schmerzen begreifen, dass dieser totalitäre Kommunismus hinter dem Eisernen Vorhang des Kalten Krieges das zynische Gegenteil von all dem war, was wir erhofften und wofür so viele ehrliche Menschen gekämpft und gelitten hatten und tapfer in den Tod gegangen waren. So wurden wir beide, der ältere Ralph etwas früher klug als ich, Nestbeschmutzer, Renegaten im allerbesten Sinne. Und das war in der Menschheitsgeschichte wohl immer wieder so: Die jeweiligen Ketzer werden von jeder Kirchenobrigkeit mit besonderer Wut verfolgt. Und heute? Wenn Ralph Giordano seinen 80. Geburtstag feiert, wird ihm zum Feiern nicht zumute sein. Der Krieg gegen ein totalitäres und massenmörderisches Regime wird toben. Der Kreis schließt sich, denn aus eben solch einem Krieg sind wir ja mit knapper Not vor über einem halben Jahrhundert entkommen. Ich habe mit meinem Freund lieber nicht gesprochen über seine Meinung zum Irak-Krieg der Amerikaner und Engländer. Aber, wie ich ihn kenne, der die Welt besser kennt als ich, muss ich vermuten, dass wir uns in der heutigen Frage aller Fragen zur Hälfte ganz einig und zur anderen Hälfte ganz uneins sind. Dass der Völkermörder Saddam gestürzt werden muss, weil er nicht nur ein innerirakischer Menschenfeind ist, sondern auch ein potenter Menschheitsfeind, da kann ich sicher sein, dass mein Freund denkt wie ich. Ob er aber den Alleingang der beiden Alliierten, die uns Deutsche einstmals befreiten, richtig findet, da bin ich mir nicht so sicher. Will sagen: Ich halte diesen Alleingang angesichts der verbrecherischen Impotenz der UNO für notwendig. Aber in einem kann ich mir hundertprozentig sicher sein: Ob mein gefeierter Freund da mit mir einig ist oder nicht - wir werden einander niemals aus der Menschheit ausschließen, wir werden uns niemals zerfreunden. Lieber Ralph, verehrter Giordano, es freut mein Herz, dass grad so einer wie du es geschafft hat, dermaßen alt zu werden. Und dass du trotz der 80 Jahre noch ein frischer Junge bist, da haben wir, wie man hier unter uns Fischköpfen im Norden sagt, alle was von.