Kino

Wiebke Puls: "Ich sehne mich nach Hamburg"

| Lesedauer: 7 Minuten
Annette Stiekele

Die beiden Schauspielerinnen Wiebke Puls und Anne Schäfer verbindet der Film "Jasmin" - und das Hamburger Schauspielhaus.

Hamburg. Ein Tisch, zwei Frauen einander gegenüber. Jedes Zucken des Mundwinkels und jeder flackernde Blick ist sichtbar. Als säße man im Theater in der ersten Reihe. Eine Situation, so schlicht wie wirkungsvoll, voller Elektrizität. Psychologin Frau Feldt soll die Schuldfähigkeit der jungen Jasmin feststellen, die ihre Tochter Franziska umbrachte und deren eigener Suizid misslang. 1995 hatte Romuald Karmakar in "Der Totmacher" Götz George ein ähnlich glanzvolles Forum eines filmischen Kammerspiels geboten. Drehzeit sechs Wochen. Der junge Regisseur Jan Fehse brauchte für seinen zweiten Film "Jasmin", Untertitel "Die Geschichte einer Depression", nur vier Tage.

Das verdankt er auch seinen beiden hochprofessionellen Darstellerinnen, die den Film gemeinsam mit ihm am kommenden Donnerstag im Volksdorfer Koralle-Kino vorstellen. Die Figuren mögen sehr unterschiedlich sein, doch die Hamburgerin Anne Schäfer als Jasmin und die Ex-Hamburgerin Wiebke Puls als Psychologin verbindet etwas. Schäfer war in der vergangenen Spielzeit als Gast im Ensemble des Schauspielhauses in "Cyrano" zu sehen, Puls an gleicher Stelle in der Ära Tom Stromberg (2000 bis 2005) maßgebliche Protagonistin im Ensemble, das sie ausgelaugt in Richtung Münchner Kammerspiele verließ. Seither läuft es ziemlich rund für sie. 2005 wurde sie Schauspielerin des Jahres und erhielt den Alfred-Kerr-Preis.

Bewusst hatte Fehse sich für zwei Theaterprofis entschieden, die, von sieben Kameras begleitet, in der Lage sein sollten, Einstellungen von bis zu 50 Minuten durchzuspielen. Nach einer Leseprobe blies er das Casting ab, verpflichtete die beiden aus dem Stand. Jede lernte für sich ihren Text. Dann ging es ungeprobt vor die Kameras. Drehbuchautor Christian Lyra hat verschiedene Fälle von Kindstötung zu einem exemplarischen Fall montiert.

"Ich wollte das gar nicht so genau wissen, um keine Bilder im Kopf zu haben", erzählt die 33-jährige Anne Schäfer und rührt in ihrem Minztee. Unkompliziert wirkt sie in rustikaler Hemdbluse mit Parka. Sie wundert sich, dass sie eher selten für die Frohnaturen und Kämpferinnen besetzt wird, sondern bevorzugt für die Zerrissenen. "Dabei würde ich gerne mal jemanden spielen, der klarer und einfacher und nicht so gebeutelt ist. Mal nicht heulend im Trainingsanzug dasitzen", sagt sie.

Die Rolle einer jungen Frau am Rand forderte sie ganz. "Eine Kindsmörderin zu spielen stößt ja von vornherein ab." Die existenziellen Nöte, die vielen Details einer schiefgelaufenen Biografie aus überforderten Eltern, problematischen Männerbeziehungen, Krankheit und Not, aber auch die Sturheit einer Frau, die meint, alles alleine schultern zu müssen, spiegeln sich in ihrem schönen, wütenden Gesicht.

Ein Gesicht, das man künftig voraussichtlich in Heidelberg sehen kann, wo Schäfer nach dem Ende des Gastvertrags mit dem Schauspielhaus die "Elektra" spielte und ab Herbst in "Wie es euch gefällt" auf der Bühne stehen wird. Nach einem längerfristigen Engagement sucht die Trägerin des Nachwuchsförderpreises 2009 vom Bayerischen Staatsschauspiel nach Stationen in München, Zürich oder Basel noch. "Wiebke hat mir eine große Ruhe gegeben", sagt Anne Schäfer.

"Jasmin versucht ja immer irgendwie anzudocken, zu gefallen. Frau Feldt erkennt das und blockt es ab." Das Misstrauen zwischen den Frauen wandelt sich in eine Mitmenschlichkeit. Der Film enthebt Jasmin moralisch nicht aus ihrer Verantwortung, sich keine Hilfe gesucht und über das Schicksal eines anderen Lebens entschieden zu haben.

Obwohl Schäfer im Fokus steht, zeigt Puls starke Präsenz. "Die Machart des Films kam mir entgegen", sagt die 38-Jährige. "Weil sie einen schauspielerischen Bogen verlangt, wir uns wirklich miteinander ins Spiel begeben konnten. Manchmal fiel es mir schwer, hinterm Berg zu halten. Das, was Jasmin erzählt, schreit ja nach Reaktionen beim Zuhörer, aber die durfte ich in meiner Funktion als Psychiaterin nicht zeigen." Frau Feldt sei auch Stellvertreterin für den Zuschauer, dem sie nicht vorenthalten wolle, das Gehörte selbst einzuordnen. Das sei der berühmte Raum für eigene Notizen. "Insofern ist es wichtig, dass man von Frau Feldt so gut wie nichts erfährt. Dass man in ihrem Gesicht maximal eine Andeutung von Bewertung sieht, sie sich aber nicht erschütterbar zeigt." Mal nicht die Hauptrolle auszufüllen sei eine wertvolle Erfahrung gewesen. "Ich spiele auf dem Theater meist Figuren, die innere Prozesse sichtbar machen müssen. Hier habe ich einen Supporting Act de luxe."

Wiebke Puls fühlt mit der Figur der Jasmin. Kennt Gefühle von Überforderung aus Lebensphasen, in denen sie zu viel gearbeitet hat. Und in denen sich für sie als Ehefrau des Intendanten Tom Stromberg Privates und Berufliches verhängnisvoll vermischten. "Da gab es keinen Rückzug, keinen Schutzraum, aber unheimlich viel Druck. Es war eine sehr intensive Zeit", sagt sie. Dennoch verbindet sie mit Hamburg keine schlechten Gefühle: "Ich sehne mich nach Hamburg. Die Stadt riecht gut. Ich fühle mich da noch immer sehr beheimatet." Es waren keine einfachen Jahre. "Die Rolle der Hedda Gabler spiegelte in gewissen Punkten so sehr mein eigenes Befinden, dass ich sie im Grunde nicht mehr spielen konnte. Ich war innerlich bankrott."

Sie trat die Flucht nach vorn an. Raus aus dem Ensemble. Raus aus der Ehe. Beruflich ist sie in München angekommen, privat zieht sie aus einer späteren Beziehung alleine Zwillingsjungs auf. Im April hat sie nach langer Funkstille mit Tom Stromberg zusammengearbeitet. Am Theater Augsburg inszenierten sie mit großem Vergnügen "Das Weiße Album" von den Beatles als Konzertstück mit Texten von Roland Schimmelpfennig.

Zwei Frauen. Die eine ist - vorübergehend - angekommen, die andere noch auf der Suche. Anne Schäfer lebt derzeit aus Koffern, ihre Möbel hat sie verkauft. "Dabei ist Hamburg meine Traumstadt. Ich würde wahnsinnig gerne weiter hier arbeiten", sagt sie. Bei der Filmpremiere werden sich die Frauen erstmals wiedertreffen.

"Ich wünsche dem Film, dass er sein Publikum findet und länger läuft als eine Woche", sagt Wiebke Puls. Also, reingehen. Schnell.

"Jasmin. Die Geschichte einer Depression" Premiere mit Gästen 14.6., 20.00, Koralle, Kattjahren 1, T. 64 20 89 39, Kritik am Donnerstag in Live