Perle der Woche

Spötter bleiben hellwach

| Lesedauer: 4 Minuten
Stefan Reckziegel

Das Kabarettfestival feiert vom 7. Mai bis 3. Juni seinen 25. Geburtstag

Wo hört der Spaß auf? Wo fängt der Ernst an? Kabarettisten müssen sich diese Fragen nicht stellen. Und das bleibt auch gut so.

"Kabarett ist die beste Wahl", lautete 1987 das Motto des ersten Hamburger Kabarettfestivals. Es stammte von Corny Littmann, damals Mitglied der Theaterformation Familie Schmidt, heute Impresario von Schmidt und von Schmidts Tivoli. Vor 25 Jahren gehörte Littmann bei der Premiere auf Kampnagel ebenso zur Generation der jungen Spötter wie etwa Horst Schroth oder Richard Rogler, der in der Kulturfabrik mit seinem Programm "Freiheit aushalten" seinen Durchbruch als Solokabarettist erlebte.

Kabarett, diese Mischform aus Theater und ironisch-pointiertem Journalismus, fristete in der Hansestadt damals eher ein Nischendasein. Regelmäßig gelästert wurde bis dato nur in kleinem Rahmen auf den Brettln Mon Marthe in Eppendorf und Stradiwadi in Rotherbaum sowie - etwas bürgerlicher - auf dem Theaterschiff im Nikolaifleet.

"Die Stadt hungerte förmlich nach dieser Art von Kunst", erinnert sich Ulrich Waller, Begründer und Leiter des Hamburger Kabarettfestivals, an die Anfänge. Heute ist das Stelldichein der Satiriker von der deutschen Kabarett-Landkarte nicht mehr wegzudenken. Der Regisseur Waller hat seinen Spaß-Faktor mal so erklärt: "Kabarettisten sind wie Trüffelschweine, wie Trendscouts. Sie versuchen rauszukriegen, was es momentan für Strömungen im Land gibt, wohin sich das Land entwickelt." Frühere Festival-Mottos wie "Friendly Fire" (2003), der irrtümliche Beschuss eigener oder verbündeter Streitkräfte in einer kriegerischen Auseinandersetzung, oder "Krisen-Gelächter" (2009) sind Spiegel jeweiliger Jahre, ein gewisses Grundinteresse gesellschaftlicher Zusammenhänge und die Bereitschaft, mit den Künstlern auch mal absurde gedankliche Sprünge zu vollziehen, für die Zuschauer Basis beim Spaß an der Satire.

Das Festival, das seit 2003 im St.-Pauli-Theater über die Bühne geht, hat sich im Laufe der Zeit vom politischen Kabarett hin zu Komik und Musik-Comedy erweitert. Beispiele der Bandbreite: Unter 19 Programmen finden sich diesmal acht Hamburg-Premieren.

Malediva, das originellste schwule Paar auf deutschen Bühnen, gewährt bei der "Pyjama-Party" Einblicke ins Schlafzimmer (10.5.). Nonsens-Legende Dieter Hallervorden, erstmals beim Festival zu Gast, spielt mit Harald Effenberg "Stationen eines Komödianten" (11.5.), der Bayer Sigi Zimmerschied gibt tags darauf den "Reißwolf". Am Muttertag (13.5.) singt der Hamburger DamenLikörChor "Die Diven sind unter uns", unterstützt von Gilla Cremer als Hilde Knef und Marion Martienzen (Judy Garland). Am 15. Mai zupft das United Kingdom Orchestra "We Will Uke You". Matthias Deutschmann hat am 25. und 26.5. bei "Solo 2012" satirisch den Bogen raus. "Weiter" geht es am 30.5. mit Leverkusens "lingualer Axt" Wilfried Schmickler und am 31.5. mit "1. Satz - Pesto" vom Duo Ass-Dur, Liebling der Spielzeiteröffnungsgala im St.-Pauli-Theater.

"Wenn es sich einmal verliebt hat, ist die Begeisterung hemmungslos", hat Intendant Uli Waller die Beziehung zwischen dem Hamburger Publikum und den Künstlern beschrieben. Das gilt weiterhin für Hagen Rether (21./22.5.) und Mathias Richling, der vom 16. bis 19.5. parodiert, schwäbelt und zappelt.

Weitere Stars wie der Wiener Josef Hader, Georg Schramm, die Hamburger Dirk Bielefeldt (Herr Holm), Lisa Politt und Gunter Schmidt (Herrchens Frauchen) und Horst Schroth sind am 14. Mai bei der von Arnulf Rating moderierten Jubiläums-Gala zu erleben, mit der das Festival noch einmal zu Kampnagel zurückkehrt. Sehr fehlen wird Heinrich Pachl: Der Mann vom "Komitee für vertrauensstörende Maßnahmen", bekannt für bissig-böse Assoziationsketten im ewigen Kampf gegen den (Kölschen) Klüngel, starb im April.

Das Hamburger Kabarettfestival jedoch hat sieben Bundestagswahlen und drei Bundeskanzler(innen) überdauert. Als es im Januar 1987 auf Kampnagel initiiert wurde, war der spätere Einheitskanzler Helmut Kohl bereits im fünften Amtsjahr. "Wenn man uns damals gesagt hätte, dass noch weitere zwölf hinzukommen, hätten wir aus Depression das Festival sofort wieder abgesagt", hat Waller mal bemerkt. Natürlich im Spaß.

25 Jahre Hamburger Kabarettfestival Mo 7.5.-So 3.6., jew. 20.00, St.-Pauli-Theater (S Reeperbahn), Spielbudenplatz 29/30; Karten zu 15,80 bis 39,50 unter T. 47 11 06 66; alle Termine unter www.st-pauli-theater.de