Essay

Von Tulpen lernen heißt sterben lernen

Tod, wo ist dein Stachel? Eine zeitgemäße Betrachtung

Tut mir leid, liebe Freunde der stets vor Esprit und Lustigkeit sprühenden Texte, die Woche für Woche an dieser Stelle des Live-Hefts stehen. Dieser Text wird nicht lustig. Schließlich handelt er von letzten Dingen, vielleicht auch von ersten Dingen in einer Welt jenseits der letzten Dinge. Er handelt vom Tod.

Der Tod sei gewiss, ungewiss nur seine Stunde, soll man im alten Rom gesagt haben: mors certa, hora incerta. Wir leben heute länger, manchmal schrecklich viel länger als damals, aber das Axiom gilt unverändert. Gestorben wird zuverlässig, Vampire und andere Untote ausgenommen. Wenn sich jetzt in Hamburg ein toller Kongress zwischen Wissenschaft, Performance, Splattermovie, Death Metal und anderem Nischenschaffen der Vision des Länger- und des Ewiglebens widmet, so ist dies natürlich eine legitime Menschenbeschäftigung. Wie ja ohnehin das meiste von dem, was wir so machen, eine Beschäftigungstherapie gegen die Allgegenwart des Todes ist.

Stirb, bevor du stirbst - diese Aufforderung habe ich vor Ewigkeiten mal in einem schön aufgemachten Buch mit Sufi-Sprüchen gelesen. Klingt vernünftig - wer den Tod zu Lebzeiten erledigt, dem jagt er keinen Schrecken mehr ein. Schließlich ist der Tod mit zwei mächtigen Emotionen belegt, Angst und Trauer. Aber die Lehren der Weisen warnen uns. Wer glaubt, er könne den Tod auf Erden ganz überwinden, der lebt verkehrt. Selbst der Zenmönch weint, wenn sein Meister stirbt, auch wenn der vielleicht ins ersehnte Nirwana geht.

Doch der Satz beschäftigt mich noch immer, und ich darf sagen, dass ich ein oder zwei Anstrengungen hinsichtlich des vortodlichen Sterbens unternommen habe. Einmal war ich auf Visionssuche in der Toskana. Vier Tage lang nichts essen, nur Wasser trinken, draußen im Wald, nachts auch. Eine Aufgabe hieß: Bau dir eine Sterbehütte und ruf all die Leute herbei, mit denen du noch was zu klären hast in diesem Leben. Ich habe das so lange rausgeschoben, bis ich vor Essensentzug fast ohnmächtig war. Aber es war gut. Mein Testament habe ich trotzdem bis heute nicht gemacht. Unverantwortlich. Ich bin zum Sterben einfach zu feige. Oder, wie Woody Allen sagt: Ich habe nichts dagegen. Ich will bloß nicht dabei sein, wenn es passiert.

Wer dem Tod von der Schippe gesprungen ist, lebt tiefer als vorher. Eine überstandene schwere Krankheit nimmt den Grauschleier von den Augen, das Leben leuchtet. Die Angst vor dem Tod aber bleibt, obwohl das Sterben gar nicht so schlimm sein soll. Fragen Sie Leute, die von einem Nahtoderlebnis zurückgekehrt sind. So ziemlich alle erzählen dasselbe. Tunnel. Licht. Unendlich schön. Das ganze Leben ein einziger Film. Zeit aufgehoben.

Aber sie kommen nicht bis ans andere Ende des Tunnels. Da, wo das Licht hereinscheint. Eine spirituelle Theorie lautet: Nah-Tote werden kurz vor Tunnelausgang zurückgeschickt, weil sie auf der Erde noch nicht fertig sind. Sie hätten hier noch etwas zu erledigen. Tatsächlich leben viele Menschen mit dieser Erfahrung danach so intensiv und bewusst, als sei jeder Morgen der letzte. Tod, ist das dein Stachel?

Carpe diem heißt jetzt ihr Mantra, pflücke den Tag. Oh je, wie viele ungepflückt gebliebene Tage werden am Ende in meiner Lebensbilanz rumstehen wie verdorrter Mohn auf dem Feld. Ich weiß nur: Es werden täglich weniger. Im übrigen lerne ich im vorrückenden Alter von den Tulpen. Die wachsen noch, längst ihrer Wurzeln beraubt, in der Vase, recken und strecken sich und dehnen ihren Blütenkelch nach allen Seiten aus. Sie machen in jedem Augenblick das Beste aus der Endlichkeit ihrer Zeit. Sie leben ihr Leben vor dem Tod.

Die Untoten. Life Sciences & Pulp Fiction 12. bis 14.5., jeweils 17.00 - 22.00, Abend-Ticket 18,-/erm. 8,-, 3-Tage-Ticket 40,-/erm. 20,- unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de