Leif Ove Andsnes und die Schule des intensiven Zuhörens

Hamburg. Leif Ove Andsnes ist das Gegenteil eines Blenders. Dem norwegischen Pianisten muss man schon eine ganze Weile lang zuhören, bevor einem aufgehen wird, wie gut er tatsächlich ist. Wer sich etwa an Beethovens Musik gerne berauscht, den setzte er bei seinem Gastspiel am Sonntag in der Laeiszhalle erst einmal auf Entzug.

Blitzsauber, artikuliert mit einer glasklaren musikalischen Intelligenz ging Andsnes zum Auftakt des Konzerts die Waldstein-Sonate an. Das war ein klassischer Beethoven, ohne das klanglich Ausschweifende, das Romantisch-Fantastische, das bei dieser Sonate auch möglich gewesen wäre. Das war mehr was fürs Lehrbuch, so schien es, als zum Warmwerden. Umso mehr bewährte sich in der Folge Andsnes' Mischung aus struktureller Klarheit und einer verhaltenen, sich über lange Strecken langsam aufbauenden Emotionalität bei Brahms' verästelten und introvertierten Balladen.

Noch einen Schritt näher heran an die Kunst des intensiven Hörens führte dieser ebenso kluge wie unprätentiöse Pianist sein Publikum mit Schönbergs äußerst konzentrierten Klavierstücken op. 19; hier erzählten schon wenige flüchtige Gesten einen Roman.

In die so gespitzten Ohren fuhr das "con brio ed appassionato" von Beethovens op. 111 dann mit elementarer Wucht durch die Laeiszhalle, ohne dass Leif Ove Andsnes irgendetwas hätte forcieren müssen. Und in den Variationen zeigte sich, statt der mystischen Ekstasen, die die romantische Beethoven-Deutung diesem Satz angedichtet hat, nun ein in jedem Moment transparentes Geflecht aus tänzerischen Rhythmen und Gegenstimmen.

Am Ende von Andsnes' Initiation ins Hören stand ein Kinderstück aus Kurtágs "Játékok" - einige harmlos hingetupfte Einzeltöne, die man ohne das Vorangegangene vielleicht gar nicht als die große Kunst gewürdigt hätte, die sie in Wirklichkeit sind.