Sternengucker Georg ist verliebt und sinniert über die Ewigkeit

Das Musical "Orangenmädchen" am Altonaer Theater gelingt

Hamburg. Manchmal tut der Mensch sich mit der Liebe schwer. Wie tröstlich ist es da für einen Heranwachsenden, wenn er erfährt, dass der eigene Vater mit den Herzensdingen ebenfalls seine liebe Not hatte - so ergeht es dem 15-jährigen Georg, als er einen Brief seines viel zu früh verstorbenen Vaters Jan Olav findet.

Der Roman "Das Orangenmädchen" bescherte dem norwegischen Bestseller-Autor Jostein Gaarder ("Sophies Welt") vor acht Jahren einen weiteren Hit in der Sparte "Lebensphilosophie für alle Altersgruppen". Das gleichnamige Bühnenmusical wurde nun bei der Premiere im Altonaer Theater kräftig bejubelt. Und daran haben die Songs den größten Anteil.

Da wird mit leiser Melancholie zu dosiertem Einsatz von Klavier und Cello über die Zeit sinniert ("Deine Zeit gehört dir ganz allein./Du kannst sie nicht halten/ und doch ist sie dein"), und Sternengucker Georg (eine Entdeckung: Benjamin Hübner) sinniert über die Ewigkeit und die Kleinheit des Menschen. Derweil spricht ihm seine Mutter Veronika Mut zu, die junge Isabell (Sonja Dengler) aus der Musikschule endlich anzusprechen. Gespielt wird die Mutter von Carolin Fortenbacher - sie hält die Rampensau gekonnt zurück.

In dieser Lage kommt Georg die Brieflektüre gerade recht. Denn darin schreibt Jan Olav, dass er sich scheute, das merkwürdige, in Orange gekleidete Mädchen mit einer Tüte Südfrüchte auf dem Arm, anzusprechen.

Bis zur Offenbarung der eigenen Gefühle braucht es ein Versteckspiel und irgendwann auch noch spanische Sonne und Gitarren. Äußerst amüsant, wie sich hier die Fortenbacher als spätere Ehefrau und Jan Olav (Sascha Rotermund) ungelenk umkreisen. Das ernste Thema der Vergänglichkeit bettet die Inszenierung gekonnt ein in leichte und lichte Momente.

Weniger ausgefeilt geraten leider die Dialoge. In einem Vokabular, das jede Nachmittagssoap schmücken würde, werfen sich die Familienmitglieder gegenseitig ihre Gefühle vor die Füße. Ein Wehmutstropfen an diesem stringent auf schlichter Bühne von Regisseur Harald Weiler durchinszenierten Abend, in dem auch die Darsteller mit hoher Präsenz, Tempo und Stimme überzeugen, ohne jedoch die Tiefe ihrer Figuren auszuloten. Denn da funkt ihnen immer die gefühlig-poppige Musik von Martin Lingnau dazwischen. 2004 brachte er gemeinsam mit Autor Christian Gundlach und Liedtexterin Edith Jeske "Das Orangenmädchen" erstmals als Musical in Trier heraus. Inszenierungen in Wien und Zürich folgten.

Am Altonaer Theater ist ein berührender Abend entstanden, der Lebensfreude und Gewissheit um die eigene Endlichkeit und Liebesnöte aufs Harmonischste verbindet.

Das Orangenmädchen bis 9.7., Altonaer Theater, Museumstraße 17, Karten T. 0800/413 34 40; www.altonaer-theater.de

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