"Nostalghia"

Das Gefühl von Heimatlosigkeit

Foto: AT Medien

Andrej Tarkowskijs Meisterwerk "Nostalghia" erzählt die Geschichte einer Sinnsuche.

Vernebelte Landschaften, melancholische Musik, ein Mann, der mit gesenktem Kopf, die Hände in den Manteltaschen vergraben, über das Sein sinniert. Die Filme von Andrej Tarkowskij sind voller wiederkehrender Motive, voller Ankerplätze im Strudel der Kinogeschichte. Auch "Nostalghia", Tarkowskijs sechster Film. Der erste, den er außerhalb seiner russischen Heimat drehte und der jetzt endlich in einer dem Meisterwerk würdigen DVD-Fassung vorliegt.

Seine Filme hätten keine klar destillierbare Bedeutung, hat der 1986 verstorbene Tarkowskij immer wieder betont. Es gebe keine richtige oder falsche Interpretation, sondern nur eine für jeden Zuschauer individuelle Wirkung. Was Kritiker aber nie davon abhielt, nach eben diesen Bedeutungen zu suchen, Einstellung für Einstellung zu analysieren und insbesondere nach religiösen, kunsthistorischen oder literarischen Bezügen zu fahnden. Im Fall von "Nostalghia" liegt das schon deshalb nahe, weil das in einem italienischen Dorf verwahrte Bildnis der "Madonna del Parto" ein ebenso zentrales Element des 125-minütigen Dramas ist wie die Thermenanlage des toskanischen Örtchens Bagno Vignoni und das Reiterstandbild des römischen Kaisers Marc Aurel (121-180 n. Chr.).

Eine gewaltige Diskursmasse, deren Gewicht Tarkowskij relativiert, wenn er sagt: "Ich wollte von der russischen Form von Nostalgie erzählen, von jenem für unsere Nation so spezifischen Seelenzustand, der in uns Russen aufkommt, wenn wir weit weg von der Heimat sind." Von dieser Heimat hatte der Regisseur sich 1983 nicht ohne Grund entfernt. Immer wieder war er mit den sowjetischen Zensurbehörden aneinandergeraten, weil sein subjektiv-poetischer Stil sich deutlich von der offiziellen Kunstdoktrin absetzte, die auch von ihm forderte, die "wirklichen Problemstellungen in der sozialistischen Gesellschaft" anzugehen.

Eine Aufgabenstellung, der Andrej Tarkowskij nie nachkam und die ihn Mitte 1984 bewog, im westlichen Exil zu bleiben. Hier konnte er die Geschichte eines russischen Schriftstellers (Oleg Jankowski) erzählen, der mit seiner Dolmetscherin (Domiziana Giordano) nach Italien kommt, um sich auf die Spuren eines Komponisten des 19. Jahrhunderts zu begeben. Eine Reise voll übermächtiger Erinnerungen an die geliebte Heimat. Eine Tour de Force, in der auch die Liebe das Gefühl von Heimatlosigkeit letztlich nicht verdrängen kann. Und in der so ein Satz fallen darf: "Ich glaube, ihr habt alle Sehnsucht nach Freiheit."

Natürlich ist die Handlung nur ein Gerüst. Ein Hilfsmittel, an dem sich langhangelt, wer nicht im Mahlstrom der Bilder und Assoziationen versinken will. Oder wer zwingend erwartet, dass ein Film - wie nicht nur in Hollywood üblich - eine Geschichte geradlinig von A nach B erzählt. Davon allerdings ist "Nostalghia" weit entfernt. Noch weiter als Tarkowskijs letzter Film, "Opfer", den er 1985/86 in Schweden drehte, bevor er seinem Krebsleiden erlag.

Die Kunst habe die Aufgabe, Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz zu stellen, hat Tarkowskij immer wieder öffentlich festgestellt. Die Antworten auf diese Fragen allerdings müssten individuell gefunden werden. Von der Hauptfigur in "Nostalghia" ebenso wie von jedem Kinobesucher.

"Nostalghia", 1983 in Cannes ausgezeichnet, war bisher nur in technisch minderwertigen Fassungen zu haben und liegt jetzt erstmals in guter Ton- und Bildqualität vor. Herausragend auch das Bonusmaterial, die bisher unveröffentlichte, 90-minütige Dokumentation "Meeting Andrei Tarkovsky", für die zahlreiche Weggefährten des Regisseurs interviewt wurden.

"Nostalghia" 125 Minuten (+ Bonusmaterial), ab 12 Jahren; www.alamodefilm.de