Hubertus Gaßner im Interview

Die Hamburger Kunsthalle auf dem Weg in die Provinzialität

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Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt gibt Kunsthallen-Chef Hubertus Gaßner Auskunft über die prekäre Lage seines Museums.

Hamburg. Als am Freitag bekannt wurde, dass die Kunsthalle aus Kostengründen ihre Galerie der Gegenwart bis zum Herbst schließen muss, befand sich Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner nicht in Hamburg. An seinem Urlaubsort gab er dem Abendblatt am Wochenende Auskunft über die Hintergründe dieses drastischen Schritts und über die prekäre Situation des größten Hamburger Kunstmuseums.

Abendblatt:

Ist Brandschutz der wahre Grund für die Schließung der Galerie der Gegenwart?

Hubertus Gaßner:

Es ist richtig, dass die Brandschutzklappen ausgewechselt werden müssen. Aber das ist nicht der Grund für die Schließung.

Sagt die Kulturbehörde also die Unwahrheit?

Ich war nicht dabei, ich bin im Urlaub.

Ist die Schließung die einzige Möglichkeit, die Sparvorgaben zu erfüllen?

Wir haben viele Vorschläge gemacht, um die von uns geforderten 220.000 Euro im noch verbleibenden halben Jahr einzusparen, sehen aber keine Alternative.

Gab es noch andere Szenarien?

Ein anderes Szenario sah vor, dass wir ab sofort alle frei werdenden Stellen nicht mehr besetzen. Das hätte aber nicht innerhalb eines halben Jahres gegriffen, außerdem würde uns das handlungsunfähig machen. Im Prinzip könnten wir den Laden dann dichtmachen. Der dritte Vorschlag sah eine wechselnde Schließung zwischen Alt- und Neubau vor. Da aber sowohl die Energie- als auch die Bewachungskosten in der Galerie der Gegenwart wesentlich höher liegen als in den übrigen Bereichen, wäre der Spareffekt zu gering gewesen.

Die Kulturbehörde behauptet, dass die Kunsthalle auskömmlich finanziert sei. Was halten Sie davon?

Nichts. Das behauptet die Kulturbehörde auch nicht selbst, sondern sie beruft sich auf eine von ihr eingesetzte Expertenkommission.

Und die Experten irren sich?

Das ist schon ziemlich absurd: Die Expertenkommission behauptet, sie habe nie aussagekräftige Zahlen von uns bekommen, was ich übrigens energisch bestreite. Gleichzeitig stellt die Kommission aber fest, wir seien auskömmlich finanziert. Wie die Experten das ohne Zahlen errechnet haben wollen, spricht jeder Logik Hohn. Tatsächlich haben wir ein hohes strukturelles Defizit, was wir auch belegen können.

Wie wird sich die Schließung der Galerie der Gegenwart auf die Besucherzahlen der Kunsthalle auswirken?

Sieht man von sensationellen Ausstellungen ab, liegen die Besucherzahlen für moderne Kunst weltweit unter denen der klassischen Moderne und der alten Kunst. Trotzdem schmerzt es uns natürlich sehr, dass wir die Ausstellung mit Werken des renommierten britischen Künstlers David Tremlett nicht wie geplant laufen lassen können, sondern sie verschieben müssen. Als ich ihm das mitteilen musste, fühlte ich mich wie auf dem Gang nach Canossa. Aber Tremlett hat es sehr verständnisvoll aufgenommen und gesagt, eigentlich müsse er ja uns bedauern.

Besteht durch den Sparkurs die Gefahr, dass Hamburg als Museumsstadt auf Provinzniveau herabsinkt?

Eine Zeit lang kann man Ausstellungen mit dem machen, was man hat. "Hamburger Ansichten", "Munch in Hamburg" oder "Kirchner in Hamburg" sind wunderbare Projekte, aber wenn wir dauerhaft nur noch solche Ausstellungen machen können, werden wir tatsächlich provinziell. Natürlich brauchen wir Ausstellungen zu großen Themen und mit internationalen Leihgaben. Dass wir das nicht mehr können, scheint der Kulturbehörde und vor allem der Finanzbehörde im Moment egal zu sein. Wichtig ist denen nur, dass wir eine schwarze Null schreiben.

Aus Sicht der Finanzbehörde eine verständliche Forderung.

Wir bemühen uns seit Jahren um einen ausgeglichenen Haushalt, haben aber zum Beispiel die Finanzkrise nicht vorausgesehen. Ich bin für ein verstärktes und transparentes Controlling, weiß aber, dass wir viele Dinge gar nicht beeinflussen können. Ich kann zum Beispiel Besucherzahlen nicht vorausplanen. Ich kann auch nicht zwei Jahre im Voraus sagen, wie viele Sponsorengelder ich bekommen werde. Große Ausstellungen brauchen aber mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit.

Was heißt das konkret?

Ein Risiko, wie ich es etwa für die Caspar-David-Friedrich- oder auch für die Mark-Rothko-Ausstellung eingehen musste, ist heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Ich war jetzt zum Beispiel in Moskau und habe dort mit spanischen Kollegen über ein Ausstellungsprojekt für 2012 verhandelt. Dabei befinde ich mich in einem quasi rechtsfreien Raum, denn ich darf eigentlich keine Zusagen machen. Wenn ich Leihgebern und Kooperationspartnern gegenüber aber keine Zusagen machen kann, wird es auch keine Ausstellung geben. Dann ist der Weg in die Provinz unausweichlich.

Wie wird die Situation der Kunsthalle überregional wahrgenommen?

Vor einigen Wochen gab es einen Aufschrei. Einige prominente Kollegen wie Michael Eisenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, oder Max Hollein aus Frankfurt und Martin Roth aus Dresden haben sich bestürzt geäußert, als es um den Vorschlag ging, Kunst aus dem Bestand der Kunsthalle zu verkaufen. Ich rechne auch jetzt wieder mit deutlichen Reaktionen.