Faszinierende Klänge aus Ost und West zum Festivalende

Blurred edges glänzt mit großer Vielfalt aktueller Musik

Hamburg. Mit einem fulminanten Konzert des chinesischen Mundorgel-Virtuosen Wu Wei und einer Performance der Hamburger Truppe Tintin Patrone ging am Freitag im Westwerk das fünfte blurred-edges-Festival mit dem Untertitel "15 Tage aktuelle Musik" zu Ende.

Mit der Einladung von Wu Wei zu einem "Traces of China - Chinesische Spuren" betitelten Konzert, ist dem Ensemble Intégrales ein echter Coup gelungen. Wu gastiert ansonsten im Concertgebouw in Amsterdam oder der Disney Hall in Los Angeles. Und wenn man hört, was dieser Mann aus seiner Sheng, deren Geschichte 3000 Jahre zurückreicht, an Klängen, Rhythmen und endlosen Phrasierungen herausholt, weiß man auch, wieso.

Wu und seine Kollegen vom Ensemble Intégrales gaben an diesem Abend einen klug konzipierten Überblick über aktuelle Tendenzen des Musikaustausches zwischen Ost und West. Das reichte von der meditativen, von Schweigen interpunktierten Studie "Tao" der Komponistin Fang Man über das aggressiv-tänzerische "Windsounds On The Sky" von Guoping Jia bis zum fröhlich-lärmenden Volksfest-Happening "Mo" aus der Feder von Huang Ro. "Coup d'ailes" von dem Hamburger Komponisten Sascha Demand wirkte da mit seinen stimmungsvollen, fein ausgehörten Flächenklängen beinahe asiatischer als die Musik der Asiaten selbst. Wie groß der Erfolg von blurred edges 2010 insgesamt war, ist schwer abzuschätzen. Das Festival hat zig verschiedene Einzelveranstalter, und keiner von ihnen führt über Publikumszahlen Buch. Doch wenn der subjektive Eindruck nicht trügt, hat blurred edges, was den Zuspruch der Musikfreunde angeht, deutlich zugelegt.

Dank eines in diesem Jahr erstmals herausgegebenen Programmbuches hatte sich auch die Vorberichterstattung in den Medien deutlich verbessert. Die verstärkte Aufmerksamkeit wiederum scheint dazu geführt zu haben, dass nun auch das Publikum außerhalb der freien Musikszene das "Off-off-Festival" zur Kenntnis nimmt. Außerdem hat das Gängeviertel als neuer Veranstaltungsort offenbar einige Neugierige angezogen.

Kluge Schwerpunktsetzungen wie die vier Konzerte mit russischer Musik in Altona haben dazu beigetragen, das fröhliche Chaos aus 43 Konzerten in 14 Tagen transparenter zu machen. Und durch die Einladung der Formationen Ensemble Intégrales und Ensemble Resonanz haben die Organisatoren erfolgreich an die etablierte Neue-Musik-Szene der Stadt angedockt.

Entwickelt sich das Festival blurred edges in diesem Tempo weiter, wird es am Ende wirklich noch das, was es derzeit erst einmal nur kühn behauptet zu sein: "Hamburgs größtes Musikfestival".