Durch Amerika, Ägypten, Asien und die Zeit

Welt-Empfänger: Die Streicher des Kronos Quartets sind die Grenzgänger der E-Musik

Hamburg. Schon äußerlich gehorchen die Mitglieder des Kronos Quartets nicht den Frackzwängen klassischer Ensembles. Geiger David Harrington trägt eine braune Lederjacke und einen schreiend orangefarbenen Pullover, bei Bratscher Hank Dutt passen die Anzugweste und die zerrissenen Jeans nicht recht zusammen, Cellist Jeffrey Zeigler zieht die Blicke fast automatisch auf seine silbern glänzenden Sportboots. Nur John Sherba, der zweite Geiger, ist dezent dunkel gekleidet. Die vier Streicher aus San Francisco sind seit Gründung des Quartetts im Jahr 1973 in jeder Hinsicht Grenzgänger und Reisende der E-Musik. Ihr Konzert auf Kampnagel wird zu einem Trip von Amerika quer durch Europa bis hin zur asiatischen Seidenstraße und endet in Ägypten.

Sie beginnt am Prospect Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Hier kamen die jüdischen Großeltern von Bryce Dessner in den 40er-Jahren an, nachdem sie den Holocaust in Polen überlebt hatten. Dessner, Gitarrist der Rockband The National, hat mit "Aheym" (jiddisch: "Heimwärts"), ein rhythmisch vorantreibendes Werk geschrieben, das sich wiederholende Melodielinien übereinanderschichtet. "Aheym" ist bewegender Ausdruck dieser Flucht auf einen anderen Kontinent. Von Polen und Hanna Kulentys "A Cradle Song" führt die Reise weiter nach Serbien zu Aleksandra Vrebalovs "... hold me, neighbor, in this storm ....", einem hochkomplexen Werk aus traditioneller Balkan-Folklore und wilden Ausbrüchen der Streicher. Weiter geht es nach Aserbeidschan an die historische Seidenstraße, "Oasis" heißt Frangis Ali-Sades Werk, das leise mit dem Tröpfeln von Wasser beginnt und sich zu einem Inferno steigert, das so gar nichts von der Ruhe einer Oase hat.

Höhepunkt des Kampnagel-Konzerts ist Steve Reichs fast 30 Minuten langes Werk "Different Trains". Darin verarbeitet der amerikanische Komponist seine häufigen Zugfahrten von New York nach Los Angeles in den 40er-Jahren und kontrastiert sie mit den Zügen, die zur selben Zeit jüdische Gefangene in die Vernichtungslager der Nazis transportieren. Reichs Stück basiert auf Schleifen, die sich wiederholen und vorproduziert sind, sodass die Musiker gegen sich selbst anspielen. Das Publikum trampelt vor Begeisterung.

Melodischer geht es im Zugabenteil zu. Gleich viermal nehmen die Kronos-Mitglieder wieder auf dem Podest Platz und spielen kurze Stücke der schwedischen Folkband Triakel und der isländischen Pop-Avantgardisten Sigúr Ros. Dann geht es in den Irak. "Als Bush 2003 in den Irak einmarschierte, haben wir uns überlegt, wie wir darauf reagieren können", erklärt David Harrington. "Unsere Antwort war: Musik aus dem Irak spielen." Auf Kampnagel intoniert das Quartett ein lustig klingendes Lied mit einem so gar nicht lustigen Titel. Er heißt "O Mother, The Handsome Man Tortures Me". Wirklich fröhlich ist dagegen der Schlusspunkt dieses zu jedem Zeitpunkt außergewöhnlichen Abends. "For My Love Come Quickly" ist der einzige bekannte ägyptische Tango. Das Kronos Quartet widmet ihn allen Vätern. Weil ja Vatertag ist.