CD-Kritik: Brad Mehldau

Tiefgründiger Kammerjazz von majestätischer Kraft

Foto: warner

"Highway Rider" ist Brad Mehldaus bisher wohl eindeutigste Aufforderung zu gründlichem, wiederholtem, vertiefendem Hören.

Für dieses Doppelalbum wünscht man sich eine einsame Insel und sechs Wochen Zeit. Schon bisher war Brad Mehldau, der ernste, ekstatische Feingeist, alles andere als ein Easy-Listening-Lieferant. Aber "Highway Rider" ist seine bisher wohl eindeutigste Aufforderung zu gründlichem, wiederholtem, vertiefendem Hören über alle von Genre-Polizisten gezogenen Grenzen hinweg. Falls das mehr nach Arbeit klingt als nach Vergnügen: Letzteres überwiegt ganz eindeutig.

Wer den Jazz-Improvisator Mehldau liebt, der mit wenigen, wie von Honig zusammengehaltenen Tönen in die Tiefen der Seele hineinzusinken vermag, findet hier viele Glücksmomente. Wer sich am Zusammenspiel seines langjährigen Trios mit Jeff Ballard (Schlagzeug) und Larry Grenadier (Bass) erfreut und an Joshua Redmans spontan-komplexer Formulierungsgabe auf dem Saxofon, ist hier ebenso richtig. Und wer die Klangfarben und die interpretatorische Qualität eines Kammerorchesters zu schätzen weiß, kommt nicht nur auf seine Kosten, sondern aus dem Staunen überhaupt nicht mehr heraus.

Die Synthese aus improvisierter Musik und genau ausgehörten, von Jon Brion wunderbar instrumentierten Passagen, die noch dazu stellenweise die flammende Schwermutsintensität von Radiohead erreicht, besitzt die Kraft eines großes Kunstwerks.

Mehldau hat sich immer auch für Konzertmusik begeistert. Der Arbeit an "Highway Rider" ging das gründliche Partiturstudium von Richard Strauss' Spätwerk "Metamorphosen" voraus, in dem der greise Komponist kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine von Verlustgefühl grundierte Summe aus seinem Schaffen zog. Das Stück für 23 Solostreicher war gewissermaßen die ideelle Matrix, an der Mehldau seine tiefgründige, dabei stellenweise ungeheuer beschwingte Musik entlang komponierte. In den wie gewohnt klugen Liner notes beschreibt er seine Arbeit am und mit dem motivischen Material. Doch die majestätische Kraft etwa des Kontrafagotts in "Always Returning" teilt sich auch ganz ohne Worte mit.

Brad Mehldau: "Highway Rider" (Nonesuch/Warner); www.bradmehldau.com