Abendblatt-Serie

Fridays for Future: Welche Rechte haben Kinder?

"Kinderrechte sind Menschenrechte", heißt es auf dem Plakat, das Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker zum Interview mitgebracht hat. Prof.Dr. Zoe Clark zeigt einen kleinen Globus. Seit 30 Jahren gilt (nahezu) weltweit die UN-Kinderrechtskonvention.

"Kinderrechte sind Menschenrechte", heißt es auf dem Plakat, das Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker zum Interview mitgebracht hat. Prof.Dr. Zoe Clark zeigt einen kleinen Globus. Seit 30 Jahren gilt (nahezu) weltweit die UN-Kinderrechtskonvention.

Foto: Mark Sandten/ HA

100 Fragen des Lebens: Experten erklären, was es mit der UN-Konvention auf sich hat und welche Folgen sich daraus ergeben.

Hamburg. Weltweit fordern Kinder gerade ihr Recht ein – das Recht auf Zukunft. Die „Fridays for Future“-Bewegung soll allein an einem Tag (am 15. März) 1.789.235 junge Menschen auf die Straßen gebracht haben. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen wird im November 30 Jahre alt. Darin sind die Rechte der Kinder geregelt – nur welche sind das? Und welche Rollen spielen sie im Handeln von Behörden und Familien? Darüber sprach das Abendblatt mit Prof. Dr. Zoe Clark und Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker.

Kinderrechte – was ist das überhaupt?

Zoe Clark Kinderrechte sind eine spezifische Form der Menschenrechte. Es handelt sich nicht wie bei Erwachsenen ausschließlich um ein Bürger-Staat-Verhältnis. Sie sind vielmehr auch eine Art Vertrag zwischen Erwachsenen und Kindern; eine Form von moralischem Regularium, wenn es um die Ansprüche von Kindern an Erwachsene, wie ihre Eltern, geht. Die Kinderrechte sind eingeteilt in drei Prinzipien: Soziale Teilhabe, Zugang zu Bildung und Abwehr von Missbrauch.

Es geht also um Kindeswohl und Kindeswille. Was hat Priorität?

Benedikt Sturzenhecker Beides gehört zusammen. In diesem Jahr feiern wir 70 Jahre Grundgesetz. In Artikel 1 heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Artikel ist zentral fokussiert auf die Selbstbestimmung und gibt für die Würde des Kindes im Alltag eine total wichtige Marschrichtung vor – auch für die sozialpädagogischen Organisationen, also für Kitas, Jugendarbeit oder Heimerziehung. Es gilt immer wieder neu herauszufinden, was es für die Entfaltung und die Selbstbestimmung des Kindes braucht. Nur leider misslingt das pädagogisch oft, glaube ich.

Clark Kindeswille ist integraler Bestandteil von Kindeswohl. In Artikel 3 der Konvention ist festgeschrieben, dass alle öffentlichen und privaten Entscheidungen primär das Interesse von Kindern zu berücksichtigen haben.

Aber wissen denn Jungen, Mädchen und ihre Eltern genug über Kinderrechte?

Clark Kinder wurden in Untersuchungen befragt. Bei den Acht- bis Zwölfjährigen gaben von 1000 Kindern 43 Prozent an, von ihren Rechten zu wissen. Gerade einmal 13 Prozent wussten, dass es die UN-Kinderrechtskonvention gibt und dass dort maßgebliche Kinderrechte festgeschrieben sind. Und das ist ja nur die Selbsteinschätzung. Man hat sie nicht gefragt, welche Rechte sie glauben zu haben. Deutschland war übrigens bei den 15 Ländern, die mitgemacht haben, das Schlusslicht bei Kenntnissen der UN-Kinderrechtskonvention.

Sturzenhecker Wir haben mit der Awo ein Projekt gemacht, in dem wir, wenn man so will, die Kinderrechte neu erfunden haben. Wir haben den Kindern nämlich nicht gesagt, „ihr habt welche, und hier ist die Liste“, sondern wir haben sie fragt: „Welche Rechte müsstet ihr haben?“ Die Kinder können das sehr wohl artikulieren. Mitgemacht haben Kinder aus Kitas, der Heimerziehung und aus der Jugendarbeit. Sie haben das erst in ihren Einrichtungen besprochen, dann haben sich 120 Kinder getroffen, mit denen haben wir einen Tag daran gearbeitet. Wir haben deren Formulierungen mit bestehenden Rechten wie der Kinderrechtskonvention oder dem Grundgesetz abgeglichen. Dadurch, dass Fachkräfte und Kinder das gemeinsam gemacht haben, hat sich das Bewusstsein verändert. Nach dem Motto „Wir haben das gemeinsam besprochen, ich Kind kann von dir Fachkraft dieses Recht einfordern“.

Und das wird heute so in den Kindertagesstätten der Awo angewendet?

Sturzenhecker Ja, das ist der zweite Schritt. Allein, dass man über Rechte verfügt, heißt nichts, wenn es keine Verfahren der Umsetzung gibt. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz verlangt für Kitas und Heimerziehung Beschwerdeverfahren und Beteiligungsverfahren. Wir haben Partizipationsverfahren entwickelt, wie man gemeinsam die Angelegenheiten regeln kann, die einen im Alltag der Kita betreffen. Das ist selbst mit Dreijährigen überhaupt kein Problem.

Clark Oft ist es in den Einrichtungen so, dass die Kinder über banale Fragen mit- entscheiden dürfen. „Machen wir die Ferienfreizeit an Ort A oder B?“ Aber dürfen die Kinder und Jugendlichen wirklich über fundamentale Regeln des alltäglichen Zusammenlebens entscheiden? Also: Bestimmen sie tatsächlich darüber, was die Einrichtung ausmacht? Oder bleibt es bei einer Alibi-Beteiligung?

Neben Eltern und Kindern müssten auch Behörden und Politik die Kinderrechte genau kennen, um sie in ihr Tun einfließen zu lassen. Ist das der Fall?

Sturzenhecker Zu selten, glaube ich. Die Fachkräfte in den Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe müssten den Kindern ermöglichen, die Rechte zu kennen. Sie müssten dafür sorgen, dass diese im Alltag umgesetzt werden. Sie müssten ihnen ermöglichen, sich einzumischen, wenn es um ihre Alltagskonflikte und Probleme geht.

Aber wie sollte das denn funktionieren?

Sturzenhecker Das Bezirksverwaltungsgesetz schreibt eigentlich vor, dass das Bezirksamt Kinder und Jugendliche bei Planungen in angemessener Weise beteiligt, die sie betreffen. Aber sie werden nur beteiligt an kindlich-jugendlich sehr konkreten Fragen, die das Hier und Heute betreffen. Also: wie wir den Spielplatz gestalten, beispielsweise. Wir sehen jetzt mit den Klimaprotesten und „Fridays for Future“, dass Kinder und Jugendliche sehr wohl aber Zukunftsfragen erkennen und kompetent dazu Stellung nehmen können. Wir haben viel zu wenig Beteiligungsfragen und -verfahren für die großen und grundsätzlichen Planungen in den Bezirken. Das würde auch nicht immer funktionieren. Aber anstatt sie auf die kindlichen Sandkästen zu reduzieren, müsste man wenigstens mal anfangen mit einer stärkeren Partizipation an großen Zukunftsentscheidungen.

Wie das in der Praxis funktionieren könnte, erscheint ziemlich rätselhaft.

Clark Kinder und Jugendliche aus den unterschiedlichsten Stadtteilen kommen im Rathaus zusammen. Vorher werden die Themen lokal vorbereitet. Zum Beispiel wäre es wichtig, Kinder und Jugendliche zum Zukunftsthema Mobilität zu befragen. Sie sind im Verkehr in einem ganz anderen Ausmaß gefährdet als Erwachsene. Es wäre wichtig, von Kindern zu hören, was sie stört. Uns Erwachsenen fehlt oft deren Sichtweise.

Sturzenhecker Ich würde immer in den pädagogischen Einrichtungen der Bezirke starten. Zum Beispiel in der Kita. Aus mehreren Kitas ließe sich eine Arbeitsgruppe bilden, die sich die Probleme vor Ort anschaut. Die Kinder könnten die betroffenen Straßen oder Ecken ablaufen, Fotos machen, malen, was sie stört. Daraus könnte eine Art Jury einen Vorschlag entwickeln, die Kinder könnten dann selbst als Gleichaltrigen-Botschafter in andere Kitas gehen und die Ideen besprechen. Man könnte Mini-Videointerviews machen mit Kindern und daraus Eingaben erarbeiten. Es geht nicht darum, den Kinderwillen einfach zu befolgen. Aber die Kinder könnten erleben, dass sie ihre Stimme erheben können.

Clark Am Ende darf es aber nicht nur darum gehen, dass Kinder gehört werden, sondern dass ihr Wille in Entscheidungen einfließt. Wichtig ist auch die Frage: Welche Kinder werden beteiligt?

Sturzenhecker Wenn wir das freistellen, werden sich eher Mittelschichtskinder melden, die gelernt haben, sich einzubringen. Das allein reicht aber nicht. Wir brauchen repräsentative Jurys. Die müssen schauen, aus welchen Schichten es im Stadtteil Kinder und Jugendliche gibt und was sie brauchen. Das wäre eine gerechtere Variante der Partizipation.

Hamburg hat die Kitabeiträge abgeschafft. Eltern haben einen Rechtsanspruch auf eine fünfstündige kostenlose Betreuung ihrer Kinder am Tag. Ist das vorbildlich?

Sturzenhecker Das ist UN-Kinderrecht. Es muss den kostenlosen Zugang zum Recht auf Bildung geben.

Aber das war ja durchaus nicht selbstverständlich. Und in vielen Bundesländern ist es heute nicht so weit.

Sturzenhecker Die Idee Hamburgs, dass alle Kinder die Chance haben, eine Kita zu besuchen, ist wegweisend. Wir sehen, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen in der Schule in der für sie notwendigen Weise gefördert werden und ihre Bildungschancen wahrnehmen können. Dass erst einmal alle in die Kita kommen können, ist die zentrale Umsetzung dieses Kinderrechts auf Bildung.

Clark Ich muss schon den Betreuungsschlüssel erwähnen. Eine Bertelsmannstudie hat gezeigt, dass Hamburg hier im Vergleich der Bundesländer zu den Schlusslichtern gehört.

Sturzenhecker Hamburg ist das einzige Bundesland, das keine Kinderrechte in der Verfassung hat … Richtig ist aber auch: Der Betreuungsschlüssel wird angehoben und verbessert.

Reiches Hamburg, armes Hamburg. Wie bewerten Sie die Chancengleichheit oder –ungleichheit der Kinder und Jugendlichen?

Clark Es gibt Kinder, die darauf angewiesen sind, dass sie öffentlich finanzierte Räume wie Jugendzentren nutzen können. Aber die Tendenz in Hamburg ist, Einrichtungen eher zu schließen als neue zu eröffnen. Es braucht keine Gleichbehandlung von Kindern – es braucht Kompensation sozialer Ungleichheit, um so gleiche Bildungsmöglichkeiten zu schaffen.

Sturzenhecker Es wäre die Aufgabe der Einrichtung, im Stadtteil zu schauen, was fehlt. Beispielsweise in Niendorf könnte Kindern Urbanitätserfahrung fehlen. Wir haben eine Untersuchung in der Schanze gemacht. Da stellt man fest, dass die Pädagogik Kinder in Schutzinseln holt, statt ihnen zu helfen, auch in der Öffentlichkeit sicherer, stärker und mitbestimmender aufzutreten. Die Einrichtungen müssen die Kinder stärken.

Clark Mein Forschungsfeld ist Heimerziehung. Die Einrichtungen sind oft sehr restriktiv und sanktionierend. Sie arbeiten mit fremdbestimmenden Regularien. Mit dem Eintritt in die Einrichtung werden den Jugendlichen oft Freiheiten entzogen, die sie sich dann Phase für Phase über Wohlverhalten wieder zurückerarbeiten können. Diese Form der Heimerziehung ist keine Pädagogik.

Muss es nicht, zumindest für einen Teil der Heimkinder, klare, strenge Regeln geben?

Clark Wir haben zu Anfang auf die Würde des Menschen verwiesen. Und die ist für alle unantastbar. Wir haben Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung befragt. Die wünschen sich mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten. Viele Regeln empfinden sie als willkürlich und entwürdigend. Sie werden präventiv bestraft, bekommen mit dem Eintritt ins Heim Freiheiten entzogen, müssen elektronische Geräte abgeben, verlieren Besuchsmöglichkeiten. Es ist sehr fraglich, ob das mit der Kinderrechtskonvention übereinstimmt.

Brauchen wir geschlossene Heime für Jugendliche, die sonst nicht erreichbar sind?

Beide Nein.

Sturzenhecker Kinder brauchen nicht einfach Grenzsetzungen, sondern verlässliche Menschen, die Grenzen mit ihnen aushandeln. Entwicklungsprobleme haben nichts mit Gefängnis zu tun. Das ist entwürdigend. Die Geschichte der Pädagogik ist voll mit den Erfahrungen aus der geschlossenen Heimunterbringung. Die Geschlossenheit führt zu Gewalt. Sie kann keine erzieherische, entwicklungsfördernde Maßnahme sein.

Clark Es kommt zu Eskalationen im Heim. Studien zeigen, dass es durchaus positive Beispiele geschlossener Heime gibt, was aber maßgeblich mit dem hohen Betreuungsschlüssel dort zusammenhängt. Aber Geschlossenheit an sich verursacht keine Erfolgsgeschichten.

Die Experten

Prof. Dr. Zoe Clark ist seit 2016 Juniorprofessorin für Kinder- und Jugendhilfe an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Bielefeld und der Goethe- Uni Frankfurt/Main. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kindheits- und Jugendforschung, Heimerziehung und Gerechtigkeitstheorien.

Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker ist Professor für Sozialpädagogik an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Uni Hamburg. Vor seiner Tätigkeit an Hochschulen hat er 13 Jahre in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet. Sein Schwerpunkt ist die Demokratiebildung mit Kindern und Jugendlichen in Kita und Jugendarbeit.

Die Serie

Jede Woche stellt das Hamburger Abendblatt eine der 100 großen Fragen des Lebens: Was ist Glück? Was ist gerecht? Wie viele Informationen braucht man? Beantwortet werden diese Fragen im Gespräch mit Professoren und Experten der Universität Hamburg, die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. Die Gespräche werden jeden Sonnabend veröffentlicht. n­hören kann man sie sich zudem in voller Länge im Internet auf www.abendblatt.de.

In der nächsten Folge am kommenden Sonnabend wird es um diese Frage gehen: Werden Menschen immer schlauer?