Hannover

Stotterer müssen oft gegen Vorurteile ankämpfen

Hannover.  Sie stolpern über Buchstaben und können oft nicht einmal ihren Namen ohne Stocken herausbringen. Mehr als 800.000 Menschen in Deutschland stottern. Am heutigen Welttag des Stotterns machen die Betroffenen auf ihre Bedürfnisse aufmerksam und versuchen Vorurteile abzubauen. Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS) plädiert dafür, das Handicap nicht zum Tabu zu machen.

Für das Gespräch mit Stotternden gelten die gleichen Regeln wie für jedes höfliche Gespräch, betont der BVSS-Vorsitzende Martin Sommer. Es gehe darum, Blickkontakt zu halten, aufmerksam zuzuhören und einander aussprechen zu lassen. „Was gesagt wird, ist wichtiger, als dass es flüssig ausgesprochen wird“, sagt der Neurophysiologe an der Uni Göttingen, der selbst seit seiner Kindheit stottert. Stotternde Menschen würden häufig für nervös, ängstlich und gehemmt gehalten. Weitere gängige Vorurteile lauten, dass Stotterer weniger intelligent oder psychisch gestört seien. In der Regel treffe das aber überhaupt nicht zu. „In unserer westlichen Zivilisation ist das Stottern sehr negativ behaftet“, sagt der Sprachtherapeut Daniel Hirschligau, Leiter des Kompetenzzentrums Stottern in Hannover. Die negativen Reaktionen könnten bei den Betroffenen soziale Gehemmtheit bis hin zu sozialen Phobien auslösen.

Besonders für Eltern kann Stotternzu einer Herausforderung werden

Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu 70 bis 80 Prozent genetisch bedingt ist, ob ein Kind zu stottern anfängt. Es scheint ein Problem mit den langen Nervenfasern zu geben, über die alle Hirnregionen untereinander Signale austauschen, wie Forscher mit neuen bildgebenden Verfahren herausfanden. Neurophysiologe Sommer vergleicht den Empfang mit einem unscharf eingestellten Radiosender, der leidet, wenn zusätzliche Störungen hinzukommen. Beim Autoradio könne dies ein Tunnel, für den Stotternden Aufregung und Stress sein.

Besonders für Eltern kann Stottern zu einer Herausforderung werden. Ohne ersichtlichen Grund fangen fünf Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen plötzlich an zu stottern. Bei 80 Prozent von ihnen verschwindet die Sprechstörung wieder bis zur Pubertät. Sprachtherapien können schon für Zwei- bis Dreijährige sinnvoll sein, rät die BVSS. Die Heilung von Stottern ist, vor allem im Erwachsenenalter, extrem selten. Allerdings lässt sich der Redefluss mithilfe von Therapien stark verbessern. Es gibt etwa spezialisierte Logopäden oder Intensivcamps .