Lustpille Addyi

Wie „Pink Viagra“ die Lust der Frauen steigern soll

Anders als Viagra wirkt das Präparat Addyi im Gehirn. Ursprünglich wurde es als Antidepressivum entwickelt

Anders als Viagra wirkt das Präparat Addyi im Gehirn. Ursprünglich wurde es als Antidepressivum entwickelt

Foto: dpa Picture-Alliance / Allen G. Breed / picture alliance / AP Photo

In den USA kommt das Präparat für Frauen auf den Markt. Addyi ist verschreibungspflichtig. Doch Experten sind skeptisch

Berlin.  Vor 17 Jahren änderte eine blaue Pille das Liebesleben von Millionen Männern auf der ganzen Welt – und bescherte dem US-Unternehmen Pfizer ein Milliardengeschäft: Viagra kam auf den Markt, ein Mittel zur Potenzsteigerung. Am heutigen Sonnabend startet in den USA nun der Verkauf von Addyi, der verschreibungspflichtigen Lustpille für die Frau. Das US-Unternehmen Sprout Pharmaceuticals will damit einen riesigen Markt erobern. Theoretisch wäre das auch in Deutschland möglich, denn hierzulande leiden 20 bis 40 Prozent der Frauen an sexueller Unlust. Doch Experten sind skeptisch.

Wie wirkt Addyi?

Das Präparat wirkt im Gehirn – im Serotonin- und Dopaminsystem. „Genau kann man allerdings nicht sagen wie Addyi wirkt, denn die Wissenschaft weiß gar nicht genau, wie Erregung im Hirn entsteht“, erklärt Stephanie Kossow vom Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité in Berlin. Eine Wirkung von Addyi: Der Serotonin-Spiegel, der eine beruhigende Wirkung auf den Körper hat, sinkt. Außerdem soll die Pille die Ausschüttung von Dopamin steigern, was zu Belohnungs- und Motivationsgefühlen führen kann.

Für wen ist das Präparat sinnvoll?

„Die Pille kann möglicherweise Frauen helfen, bei denen weder körperliche noch seelische Krankheiten, weder Partnerkonflikte noch Müdigkeit und Erschöpfung die Ursache für abnehmende Libido sind“, sagt Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte.

Damit ist die Gruppe, der Addyi helfen könnte, klein: Denn zwar leiden auch in Deutschland 20 bis 40 Prozent der Frauen mindestens einmal in ihrem Leben an einer so genannten sexuellen Appetenzstörung, also unter dem Mangel an Lust über mehrere Monate hinweg. Doch die Gründe dafür sind vielfältig. „Die Hypothese für eine Verschreibung von Addyi wäre ja: Im Hirnstoffwechsel ist etwas fehlgeschaltet, die Frau hat auf einmal weniger Lust als zuvor“, erklärt Kossow. „Das betrifft aber wenige Frauen.“


Was ist der Unterschied zu Viagra?

Viagra wirkt blutflusssteigernd und hilft Männern, eine Erektion zu bekommen. Der Unterschied ist also: Bei Viagra geht es ums Körperliche, bei Addyi um die Lust. Was jedoch nicht heißt, dass sexuelle Unlust bei Männern nicht vorkommt. „Es ist einfach kein besonders populäres Thema“, so Kossow. Der Begriff „Pink Viagra“ ist also genau genommen nicht korrekt.

Wie erfolgsversprechend ist Addyi?

Das neue Präparat soll gegen die Lustlosigkeit der Frau wirken. „Das wurde in den klinischen Studien allerdings so nicht nachgewiesen“, sagt Kossow. Es sei lediglich nachgewiesen worden, dass die Frauen, während sie Sex haben, diesen als befriedigender empfinden. Bei den klinischen Studien in den USA hatten die Frauen vor der täglichen Einnahme von Addyi im Durchschnitt 2,7 befriedigende sexuelle Erlebnisse pro Monat, danach waren es 4,4, erklärt Albring. „Das war signifikant, aber es ist keine Revolution.“

Was genau steckt drin in der Pille?

Der Wirkstoff heißt Flibanserin und wurde von dem rheinland-pfälzischen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim ursprünglich als Antidepressivum entwickelt. Addyi ist also ein Psychopharmakon. „Man sollte Psychopharmaka nicht verteufeln, man sollte sie aber auch nicht unkritisch für die Masse einsetzen“, sagt Kossow.

Wie wird Addyi angewendet?

Im Gegensatz zu Viagra, das einmalig in der Situation eingenommen wird, muss Addyi täglich über einen langen Zeitraum hinweg eingenommen werden. In dieser Zeit darf die Frau keinen Alkohol trinken.

Hat die Pille Nebenwirkungen?

Flibanserin ist ein Gegenspieler des Serotonin, des Glückshormons. „Eine der wichtigen und häufigen Nebenwirkungen von Flibanserin sind deshalb depressive Verstimmungen“, erklärt Christian Albring. Außerdem können Schwindel, Müdigkeit, Übelkeit, Verstopfung und Angstzustände auftreten. „Es ist davon auszugehen, dass diese Nebenwirkungen den dauerhaften Einsatz des Arzneimittels doch sehr begrenzen werden“, schätzt Albring. Abhängig soll Addyi trotz täglicher Einnahme nicht machen.