Peking

Chinesen rauchen sich zu Tode

Peking. Wer in China schon mal auf ein Bankett eingeladen wurde, weiß: Ein Nein wird nicht akzeptiert. Kaum ist die zweite Speiseplatte aufgetischt, bietet der Gastgeber allen männlichen Anwesenden eine Zigarette an. Und damit nicht genug. Es gehört zum guten Ton, auf die Zigarettenmarke zu achten. Ist es Suyan, die teure Hongtan Shan oder gar die Luxusmarke Nanjing? Denn die Marke sagt viel über den Stellenwert aus, den der Gastgeber dem Bankett beimisst. In welcher Beziehung steht der Gast zu ihm? Wie wohlhabend ist er? Rauchen ist in China Ausdruck für Status, Freundschaft und Heimatbewusstsein.

Es gibt kein Land auf der Welt, in dem Rauchen gesellschaftlich nach wie vor so anerkannt ist wie in China. Die Zigarette ist ein wichtiges Statussymbol. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Mehr als 300 Millionen der 1,38 Milliarden Chinesen rauchen. Das entspricht laut Weltgesundheitsorganisation WHO rund einem Drittel aller Raucher weltweit. Jeder zweite Mann in China greift regelmäßig zu einer Zigarette oder anderen Tabakerzeugnissen.

Angesichts dieser hohen Zahlen schlagen internationale Gesundheitsexperten nun Alarm. Sollte der derzeitige Trend anhalten, werde sich die Zahl der Todesfälle durch Rauchen bis 2030 verdoppeln, warnen Forscher in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“. Rund zwei Millionen Chinesen würden an den Folgen sterben, doppelt so viele wie 2010. 2050 wären es sogar drei Millionen.

Was den Forschern so große Sorge bereitet: Das Bewusstsein über die Gefahren der Nikotinsucht ist sehr gering ausgeprägt. „Etwa zwei Drittel der jungen chinesischen Männer werden zu Zigarettenrauchern, und die meisten beginnen damit, bevor sie 20 Jahre alt sind“, schreiben die Wissenschaftler. Werde die Nikotinsucht nicht energischer bekämpft, werde einer von drei Männern an den Folgen des Rauchens sterben, warnt Co-Autor Zhengming Chen von der Universität Oxford. „Noch immer wissen viele Chinesen nicht, dass Rauchen ungesund ist“, bestätigt auch der Arzt Song Jicheng des in Peking renommierten Xuehe-Krankenhauses.

Weniger als drei Prozent der chinesischen Frauen rauchen

Unmittelbar betroffen sind zwar überwiegend Männer; der Frauenanteil unter Rauchern liegt bei unter drei Prozent. Doch Frauen und Kinder sind den Gefahren des Passivrauchens ausgesetzt. Früheren Untersuchungen zufolge fallen darunter rund 740 Millionen Chinesen, davon sind 182 Millionen Kinder. Nur 35 Prozent der Bevölkerung wüssten überhaupt von der Schädlichkeit des Passivrauchens.

Die politische Führung hat dem ausufernden Nikotinkonsum zwar inzwischen den Kampf angesagt. Doch der erfolgt bislang eher halbherzig. Völlig rauchfreie Zonen sind in China in der Öffentlichkeit nach wie vor rar. Antirauchergesetze greifen bislang nur in vereinzelten Städten.

Immerhin gilt in der Hauptstadt Peking seit dem 1. Juni dieses Jahres ein strenges Raucherverbot in öffentlichen Gebäuden. Selbst in Bars, Restaurants und Nachtclubs ist seitdem das Rauchen untersagt. 1996 und 2008 gab es schon mal ähnliche Verfügungen. Was das Verbot dieses Mal jedoch unterscheidet: Den Betreibern drohen abschreckend hohe Geldstrafen. Zudem werden Besucher ausdrücklich dazu aufgefordert, Regelverstöße übers Internet zu melden.

Ein Rauchverbot, das für das ganze Land gilt, dürfte aber auch in naher Zukunft schwer durchzusetzen sein. Der Widerstand innerhalb der chinesischen Führung ist groß. Und das hat einen Grund. Chinas gesamte Tabakindustrie befindet sich in einer Hand: die der China National Tobacco Corporation (CNTC). Sie ist sowohl für die Herstellung, die Lagerung, den Transport als auch die Vermarktung sämtlicher im Land angebotenen Zigaretten zuständig. Die CNTC macht mehr Gewinn als die drei größten Tabakkonzerne außerhalb Chinas (Philip Morris International, British Amercian Tobacco und die Altria Group) zusammen. Selbst ausländische Zigarettenmarken müssen mit chinesischen Firmen kooperieren und sind in China damit der CNTC unterstellt. Und dieser Monopolist gehört dem Staat. Er verhindert mit allen Mitteln, dass der Kampf gegen das Rauchen flächendeckend durchgesetzt wird.

Eine prominente Antiraucheraktivistin findet sich jedoch: Peng Liyuan, die Ehefrau des amtierenden Präsidenten Xi Jinping. Sie ist Botschafterin für die Weltgesundheitsorganisation WHO und ist auch schon mehrfach im Rahmen von diversen Nichtraucherkampagnen aufgetreten.