Lebende Vorbilder gesucht

79 Prozent der Deutschen halten Leitfiguren für wichtig – aber kaum jemanden für geeignet

Das Thema Vorbilder ist ein komplexes. So wird in weiten Teilen Russlands noch immer der frühere Tyrann Josef Stalin verehrt, dessen Lebensleistung im Westen zumeist nicht in gleichem Maße geschätzt wird. Und die Frage, ob ein erfolgreicher Industrie­kapitän wie Martin Winterkorn zum Vorbild taugt, wird möglicherweise jetzt anders beantwortet werden müssen als noch vor ein paar Tagen. Einer Umfrage des Apothekenmagazins „Baby und Familie“ nach meinen 35 Prozent der Befragten, lebende Personen eigneten sich generell nicht zum Vorbild, weil man nie wissen könne, was da noch so alles aufgedeckt werden könne.

Aber 76,3 Prozent der befragten Bundesbürger sind der Auffassung, unsere Gesellschaft biete Kindern zu wenig wirklich nachahmenswerte Vorbilder. Und fast 79 Prozent meinen, derartige Leitfiguren seien für Kinder und Jugendliche zur Orientierung wichtig. Nun kann man sich diesem Thema mit der anarchischen Schülerweisheit nähern und sagen „Lehrer sind Vorbilder! Und Bilder hängt man auf.“ Das ist ebenso wenig zielführend wie die alte deutsche Volksweisheit „Wie der Acker, so die Ruben/ wie der Vater, so die Buben“. Wer schon schummelt, weil er auf Rüben keinen Reim weiß, sollte nicht über Vorbilder reden. 87,6 Prozent der Befragten bemängelten zudem, dass sich viele Menschen heute gern an eher fragwürdigen Vorbildern orientieren, wie Supermodels oder Popstars. Es ist das Modell „Barbie“ – innen hohl, außen Plastik.

Auch die Großen der Geschichte eignen sich manchmal nur bedingt. Nehmen wir Christoph Kolumbus, den Entdecker Amerikas. Er segelte im Auftrag der kastilischen Königin Isabella und glaubte bis zum Tod, er sei in Indien gelandet. Der Mann wusste also nicht, wohin er fuhr, noch, wo er war – und das alles mit dem Geld einer Frau.

Und den Leistungen der größten Vorbilder der Deutschen nachzueifern ist nahezu unmöglich – wie Albert Schweitzer oder Helmut Schmidt. Nicht jeder kann eben ein Krankenhaus im afrikanischen Busch errichten. Oder gefühlte 300 Zigaretten am Tag rauchen.