Beruf

Viel mehr als Gebäude entwerfen

Studienanfänger in der Architektur unterschätzen Aufgaben und Vielfalt des Lernstoffs. 50 Prozent brechen ab

Als Tom Hemmerich mal wieder ein Bauprojekt von Anfang an mitgestalten wollte, stieg er mit seiner Frau in den Flieger nach Malawi. Ein gemeinnütziger Verein aus Wolfsburg plante, in Zalewa, im Süden des Landes, einen Bildungscampus zu bauen. Einige Bestandsbauten waren schon vorhanden, also dokumentierten die beiden Deutschen fleißig und entwickelten mit Hemmerichs Geschäftspartner Sang Hyuk Hilliges einen Masterplan für die Bebauung des Geländes. „Die Herausforderung ist bis heute, mit den sehr einfachen vor Ort vorhandenen Baumitteln Ansprechendes zu planen und zu konstruieren“, sagt Hemmerich.

Binnen 15 Jahren sollen nicht nur die Schule, sondern auch eine Mensa, eine Bibliothek, Sporteinrichtungen und Unterkünfte für Lehrer entstehen. Das alles planen und organisieren Hemmerich und Hilliges von ihrem Architekturbüro „loomilux“ in Berlin aus, mit dem sie sich schwerpunktmäßig auf 3D-Visualisierungen von Bauprojekten und Produkten spezialisiert haben. „Malawi ist unser Praxisausgleich“, sagt Hemmerich.

Kennengelernt haben sich die beiden Architekten während ihres Diplom-Studiums in Hannover. 2012 gründeten sie ihr Büro in Mitte. „Die meisten unserer Kunden sind Architekturbüros“, sagt Hilliges. In der Regel würden Aufträge in der Branche über Wettbewerbe ausgeschrieben, für die Büros fotorealistische Darstellungen ihrer Planungen benötigen. „Die Planer schicken uns dann 2D- oder 3D-Zeichnungen, die wir mittels unserer Computer-Programme entsprechend aufbereiten“, erzählt er.

Hemmerich und Hilliges haben sich schon früh im Studium auf diesen Bereich spezialisiert, ein Muss, wie die beiden heute sagen. „Das Schöne am Studium ist, dass man in alle Bereiche der Architektur hineinschnuppern kann“, sagt Hilliges. „Umso wichtiger ist es aber, sich schon früh zu fokussieren, um später ein Experte seines Gebiets zu sein.“

Denn anders, als selbst die meisten Studienanfänger es vermuten, macht das Entwerfen von Gebäuden gerade einmal zehn Prozent der Architektentätigkeit aus.

„Wenn man die Berufsrealität anschaut, dann besteht der größte Teil der Arbeit eigentlich im Anfertigen von Ausführungsplänen und Ausführungsdetails, nach denen dann die Handwerker auf der Baustelle arbeiten“, sagt Professor Sven Gärtner von der Beuth Hochschule für Technik. „Und es geht natürlich nicht nur ums Planen, sondern auch ums Bauen: Genau wie die planerische Tätigkeit am Schreibtisch umfasst der Architektenberuf das Organisieren und Verwalten des Bauens selbst, also Termin- und Zeitmanagement, Kostenplanung und auch die Koordination der Bauunternehmen.“

Bauleiter oder Manager

An der Beuth Hochschule für Technik bekommen die Studenten im Bachelor-Studium deshalb zunächst eine Grundausbildung, in der es keine Spezialisierung gibt. „Unser Rat ist aber, dass man nicht direkt danach den Master anschließt“, sagt Gärtner. Lieber solle man herausfinden, welcher Teil der Architektur einen am meisten interessiere. Liegen meine Talente eher in der Bauleitung, im künstlerischen Bereich oder dort, wo technische Details umgesetzt werden? Kann ich gut mit Handwerkern umgehen? Oder bin ich eher ein Manager, der in die Bauwirtschaft geht? „Erst wenn man das weiß, sollte man ein Master-Studium beginnen, das zu einer entsprechenden Spezialisierung führt“, sagt Sven Gärtner.

„Viele denken zu Beginn ihres Studiums einfach: Später werde ich Architekt. Ihnen ist gar nicht bewusst, wie groß die Bandbreite der Tätigkeiten sein kann“, sagt auch Luise von Zimmermann. Die 23-Jährige studiert im vierten Semester Architektur an der Universität der Künste. Warum sie sich gerade für diese Studienrichtung entschieden hat? „Mein Großvater war Architekt, da war ich schon vorbelastet“, sagt sie lachend. Und obwohl sie anfangs angesichts des stressigen Studiums noch Zweifel hegte, ob sie sich tatsächlich richtig entschieden hatte, ist sie von ihrer Berufswahl mittlerweile überzeugt. „Inzwischen ist Architektur eine richtige Leidenschaft von mir, sonst könnte ich das auch gar nicht so durchziehen. Im Studium muss man wirklich leidensfähig sein.“

Zahlen unterstreichen das: Immerhin 50 Prozent der Immatrikulierten brechen ihr Architektur-Studium vor dem Abschluss ab. Vielleicht auch, weil ihnen im Laufe der Zeit bewusst wird, dass sich der Stress nach dem Studium kaum legen wird. Denn obwohl Architekt für viele ein Traumberuf ist, sind die Arbeitsbedingungen extrem hart. 12-Stunden-Tage und Wochenendarbeit sind keine Seltenheit, ebenso wie ein Gehalt, das am Ende der Einkommensskala von Berufseinsteigern mit Hochschulabschluss steht. „Und gerade hier in der Stadt ist die Konkurrenz besonders groß. Die Kombination Architekt und Berlin ist einfach sehr beliebt, das verschlimmert die Situation noch“, sagt Professor Sven Gärtner.

Doch wer sich Architekt nennen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als diese Bedingungen zu akzeptieren. Denn weil die Berufsbezeichnung geschützt ist, muss jeder Absolvent nach dem Masterstudium erst einmal zwei Jahre Praxiserfahrung sammeln, bevor er sich in die Architektenliste einer Landeskammer eintragen darf. Längst nicht alle aber finden einen Platz, scheiden deshalb schon aus dem Beruf aus, bevor sie überhaupt mit der Arbeit begonnen haben: So sind derzeit lediglich 124.600 Architekten in den Kammerlisten der Bundesländer eingetragen, 350.000 Menschen aber haben einen entsprechenden Studienabschluss.

Gerade für Frauen, weiß Professor Gärtner, ist der Übergang ins Berufsleben noch einmal ein Punkt, an dem sie sich umorientieren: „91 Prozent derjenigen, die freiwillig darauf verzichten, den Beruf weiter auszuüben, sind Frauen“, sagt er. Mit anderen Worten: Von zehn Frauen, die in den Beruf starten, hält genau eine durch. Warum das so sei, darüber kann auch Gärtner nur spekulieren: „Vermutlich ist der Beruf mit einer Familie nur sehr schwer vereinbar“, sagt er.

Auch Bettina Bauerfeind, heute wissenschaftliche Mitarbeiterin für Lehre und Forschung an der Technischen Universität Berlin, merkte schnell, dass sie die fachliche Breite, die sie in ihrer Ausbildung begeistert hatte, in ihrem Arbeitsalltag nicht wiederfand: „Architektur ist ein großartiges Studium, aber der Job danach im Planerbüro war ganz anders und nicht einfach“, sagt sie. Ihre ursprüngliche Motivation: „Ich habe immer das Bedürfnis gehabt, mich mit breiteren gesellschaftlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen: Wofür bauen wir eigentlich, und wie verhält sich ein Bauwerk zu seiner Umgebung?“

Im Hauptstudium konzentrierte sie sich daher ganz auf die Themen Städtebau und Stadtentwicklung, zu denen sie heute auch forscht. Ihr derzeitiger Schwerpunkt: temporäre Projekte wie das am Berliner Ostkreuz. Weil dort eines Tages die Stadtautobahn entlangführen soll, gibt es Flächen, die nicht langfristig bebaut werden dürfen. „Die Studenten schauen sich das Gebiet genau an, machen Interviews mit Aktiven und entwerfen Pläne, wie die Flächen – unter den rechtlichen Rahmenbedingungen – genutzt werden können“, erzählt die Dozentin. Heute ist sie mit ihrer Berufswahl zufrieden, denkt aber nicht, dass die Einstiegschancen und der Berufsalltag in der Wissenschaft grundsätzlich leichter sind als in der freien Wirtschaft. „Allein das Überangebot an Bewerbern ist einfach riesig“, sagt Bettina Bauerfeind.

Luise von Zimmermann hat noch Zeit, bis sie der Berufsalltag einholt, trotzdem glaubt sie zu wissen, worauf sie sich einlässt: „Man muss schon bereit sein, auch nach dem Studium noch Abstriche zu machen“, ist sich die 23-Jährige bewusst. Auch ihr Großvater sei später schließlich nicht mehr mit dem Entwurf von Gebäuden beschäftigt gewesen, sondern habe­­­­ ­­­beim Kultusministerium gearbeitet und den Schulbau betreut.

Tom Hemmerich und Sang Hyuk Hilliges sind mit ihrem eigenen Büro vorerst angekommen, bestimmen – das ist ihnen wichtig – als ihre eigenen Chefs ihre Arbeitszeiten selbst. Zwar hätten sie schnell festgestellt, dass sie deshalb nicht automatisch erst mittags ins Büro kommen könnten, erzählen die beiden lachend. Dennoch gelinge es ihnen inzwischen, nicht mehr am Wochenende arbeiten zu müssen. Für Architekten ist das schon ein Erfolg.

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