Hamburg

Von Affen, Kothen und Abesi

Pfadfinder sitzen Bundeslager an einem Lagerfeuer

Pfadfinder sitzen Bundeslager an einem Lagerfeuer

Foto: Swen Pförtner / picture alliance / dpa

Die Pfadfinder in Hamburg haben nicht nur ihre eigene Sprache – sie pflegen auch ihre besonderen Rituale

Hamburg.  Aloki knöpft sich die blaue Kluft zu, legt sich das weiß-blaue Halstuch um und schultert ihren schweren Affen. Ein Affe ist in der Pfadfindersprache ein Schweizer Armee Rucksack, der von allen Pfandfindern genutzt wird. Noch ist Aloki zu Hause, aber diese Welt wird sie nun verlassen.

Dies ist ein Bericht aus der Welt der Pfadfinder, verfasst von Pfadfindern. Es gibt bei den Pfadfindern eigene Namen und eigene Begriffe. Aloki heißt außerhalb der Pfadfinderwelt anders, aber das ist hier nicht wichtig. Mit der S-Bahn fährt Aloki zum Pfadfinderheim, wo sie von allen Seiten herzlich begrüßt und umarmt wird. Sie kämpft sich durch das Gewusel von Kindern und Jugendlichen jeden Alters zu ihrer Pfadfindergruppe.

Eine Pfadfindergruppe besteht meist aus sechs bis acht Mädchen oder Jungen und wird von einer 16- bis 21- jährigen Gruppenleiterin angeführt. In dieser Gruppe verbringen die Jungen und Mädchen meist fünf Jahre, dann haben sie selbst die Chance, eine Gruppe zu gründen. Etwa zehn Gruppen bilden einen Stamm, wobei ein Stamm immer nur aus einem Geschlecht besteht. Im Pfadfinder- und Pfadfinderinnenbund Nord, dem Hamburger PBN, gibt es 15 Stämme.

Im Bus auf dem Weg zum Lagerplatz wird viel gelacht, ein kleines Mädchen hoppelt im Hasenkostüm durch den Gang – keinen wundert es. Das ist ja schließlich das Osterlager. Abends auf dem Zeltplatz hört man Gitarrenklänge und riecht den ersten Rauch. Die Gruppe kocht in ihrer Kothe, dem tippiähnlichen schwarzen Pfadfinderzelt, in einem alten, verbeulten Aluminiumtopf über dem offenen Feuer Käsenudeln. Nachdem alle Gruppen in ihren Zelten lecker gegessen haben, wird es langsam still auf dem Lagerplatz.

Am nächsten Morgen wird Aloki von Gitarrenklängen geweckt. Sie tritt auf den Lagerplatz, wo bereits ungefähr 20 verschlafen dreinblickende Jungs und Mädchen stehen. Als sich endlich alle eingefunden haben, ergreift die Stammesleiterin ganz kurz das Wort: Sie eröffnet das Osterlager. Dann beginnt der Morgensport – zum Leidwesen aller Beteiligten.

Eine Pfadfindergruppe trifft sich gewöhnlich einmal in der Woche zum sogenannten Heimabend. Außerdem fahren sie ungefähr einmal im Monat über das Wochenende in die nähere Umgebung Hamburgs. Zudem findet jedes Jahr ein Osterlager statt und einmal im Jahr reisen alle Stämme des PBN zum sogenannten Bundeslager an. Alle zwei Jahre treffen sich zwei Stämme, um über Silvester auf Winterlager zu fahren. Uneingeschränkter Höhepunkt des Jahres ist die Grofa, die große Fahrt. Das ist eine dreiwöchige Reise in ein anderes europäisches Land in den Sommerferien.

Alle Fahrten werden selbst finanziert. Das funktioniert, zum Beispiel durch durchs Straßensingen. Pfadfinder planen ihre Fahrten selbst, denn der PBN ist ein reiner Jugendverband ohne Verbindung zu Kirchen, Parteien oder Erwachsenenverbänden. Ein Tag im Pfadfinderlager kann sehr unterschiedlich verlaufen, zum Beispiel gibt es ein oder zwei Tage Arbeitsgemeinschaften, und je nachdem, ob man sich beispielsweise für Pralinen, den Bau von Lagermöbeln oder die Herstellung von Wurfgeschossen interessiert, gibt es Verschiedenes zu tun. An einem Abend brechen die älteren Pfadfinder, die aus dem vierten und fünften Gruppenjahr, zu einer Abendbesinnung – kurz Abesi – auf. Im Prinzip ist das ein schweigsamer Waldspaziergang im Dunkeln, der mit einem Vortrag, einer Geschichte und schließlich einem gemeinsamen Lied endet. An diesem Abend allerdings geht die Besinnlichkeit nahtlos über in ein spannendes Geländespiel: Der Osterhase wird erschossen aufgefunden. Dabei spielt ein kostümierter Pfadfinder glaubhaft die Leiche, und die Gruppe teilt sich auf, um zu verschiedenen gruselig gestalteten Posten zu gehen. Endlich werden die Mörder enttarnt, es müssen aber noch die ausgebrochenen Patienten einer Psychiatrie eingefangen werden. Während Aloki und ihre Freunde zu ihren Kothen zurückgehen, sind sie sich alle einig, dass dies ein sehr gelungenes Geländespiel war. Nach fünf Tagen ist das Lager leider zu Ende. Die Mädchen und Jungen werden sich zu Pfingsten beim Bundeslager wiedersehen. Wenn Sie Interesse an Pfadfindern haben, besuchen Sie die Website des Hamburger Pfadfinderbundes Nord.

www.pbn-hamburg.de

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