Thema

Es ist eine steile These, aber einiges spricht dafür. „Das Verbiegen von Büroklammern ist ein menschlicher Urtrieb“, behauptet der Schweizer Psychiater Mario Gmür. Mal abgesehen davon, dass die Büroklammer erst im späten 19. Jahrhundert erfunden wurde, der Mensch diesen Urtrieb also erst seit etwa 120 Jahren ausleben kann, wird wohl jeder irgendwann einmal dieses Hilfsmittel im Kampf gegen das bürokratische Chaos aus seiner eigentlichen Form gebracht ­haben. In seiner Zürcher Praxis hatte Gmür beobachtet, dass seine Patienten während der Sitzungen immer wieder in die Schale mit den Büroklammern griffen. „Sie scheint besonders einladend zu sein, denn mir fiel ­irgendwann auf, dass im Laufe des Gesprächs die Patientinnen und Patientinnen immer wieder hineingriffen, um während ihrer Ausführungen mit einer Klammer zu spielen und sie – als wäre es das Normalste auf der Welt – zu verbiegen.“

Damit war das Interesse des Psychiaters geweckt, der die deformierten Büroklammer, die seine Patienten achtlos liegen ließen oder unauffällig in den Mülleimer warfen, zu sammeln begann. Eine erstaunliche Vielfalt von Biegetechniken fiel ihm mit der Zeit auf. Und weil er sich professionell mit der Seele beschäftigt, begann er, Rückschlüsse von der Biegeform auf die Persönlichkeit der jeweiligen Urheber zu schleißen. Ob man Optimist ist oder Pessimist, Bürgerschreck oder Streber, Faulpelz oder Angsthase, all das offenbart sich – davon ist Mario Gmür überzeugt – an der Form, in die man eine handelsübliche Büroklammer unwillkürlich und ohne nachzudenken biegt. Gmür ließ die verbogenen Klammern von dem Fotografen Zoltan Gabor ablichten, systematisierte seine Sammlung und entwickelte mit Hilfe der Bilder einen Psychotest, der jetzt in seinem Büchlein „Büroklammern verbiegen“ (Kein & Aber Verlag, 208 Seiten, 14,90 Euro) erschienen ist. „Es ist ein Test, den jeder durchführen kann und der einem ein Psychogramm zuordnet, eine Charakterisierung der eigenen Persönlichkeit“, verspricht Mario Gmür, der das Ganze zwar nicht bierernst nimmt, aber trotzdem glaubt, dass die Resultate der Wahrheit recht nahe kommen. Auf dieser Seite zeigen wir einige Beispiele.