PZ-Leseprobe

Mit Sicherheit zu viel des Guten

Unser Leben ist von einer Vollkasko-Mentalität geprägt – mit teilweise skurrilen Auswirkungen

Das Wort Vollkasko-Mentalität gab es damals noch gar nicht. Doch meine alte Tante Anna brachte es auf ihre Weise auf den Punkt, indem sie sagte: „Immer gut festhalten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!” Und mich dann ganz allein auf den Baum klettern ließ.

Inzwischen sind wir ein ganzes Stück weiter. In nahezu allen Lebensbereichen ist Sicherheit in vorderster Front auf dem Vormarsch. Das reicht von der Internet-Security über die Brillenversicherung bis hin zum als Schnäppchen-Tarif gebuchten Urlaubsmietwagen, natürlich Vollkasko ohne Selbstbeteiligung.

In manchen Staaten der USA, die auch hier einmal wieder Vorreiter waren, dürfen sich Kinder unter zwölf Jahren nicht allein in einem Hotelzimmer aufhalten – und sei es nur für ein paar Minuten.

Dort gibt es auch Strandabschnitte, an denen der Baywatcher alle Viertelstunde die Badegäste per Trillerpfeife aus dem Wasser scheucht, um sicherzustellen, dass in der Zwischenzeit auch niemand ertrunken ist.

An Hinweise auf Plastiktüten, dass diese beim Überziehen über den Kopf zum Tod durch Ersticken führen können, habe ich mich ja inzwischen notgedrungen gewöhnt.

Und auch die Warnhütchen auf frisch gewienerten Fußböden in Einkaufszentren haben sicher ihren Sinn, selbst wenn man beim Umgehen der rutschigen Zone vielleicht mit anderen Kunden zusammenprallt.

Auf der Kinder-Rutsche in Pinneberg steht ein heißer Tipp geschrieben

Nicht zu übertreffen ist jedoch eine Warnung, die ich neulich an der Rutsche eines privaten Kinderspielplatzes in Pinneberg entdeckte: „Vorsicht! Bei Sonneneinstrahlung Verbrennungsgefahr beim Rutschen”, ist da auf einem Hinweisschild zu lesen. Solche heißen Tipps sind nicht einmal auf den blitzblanken Blechrutschen öffentlicher Spielplätze und Schulhöfe zu finden. Aber das kann ja noch werden….

Und was die Porzellankiste angeht: Heißt es nicht auch „Scherben bringen Glück”?