Rückzugsorte

Stundenhotels sind in Argentinien Teil der Kultur

Was in Deutschland eher an schmuddelige Etablissements denken lässt, ist in Argentinien alles andere als verpönt. Hier sind Stundenhotels übliche Zufluchtsorte für Affären und junge Pärchen.

Die Speisekarten sind raffiniert und reichen von kleinen Snacks bis zu Sushi. Die Zimmer variieren in Preis und thematischer Ausrichtung, manche verfügen über einen Jacuzzi oder einen privaten Garten.

Die Rede ist nicht von hochklassigen Fünf-Sterne-Unterkünften, sondern von „Telos“ – argentinischen Stundenhotels. „Telos sind Teil unserer Kultur, jeder war schon einmal da“, sagt Gabriel Liñares, Chef des Hotels „General Paz“.

Was in Deutschland eher an schmuddelige Etablissements denken lässt, ist in Argentinien alles andere als verpönt. Hier sind Stundenhotels Zufluchtsorte für Affären, Gelegenheitsbekanntschaften und junge Pärchen, denen es zu Hause bei den Eltern zu eng ist. Man erkennt sie an der blauen Beleuchtung oder einer kleinen goldenen Tafel mit der Aufschrift „Albergue Transitorio“ (auf Deutsch Stundenhotel).

Meist werden sie einfach „Telo“ genannt – ein Wortspiel mit dem Begriff „Hotel“ in der altargentinischen Gaunersprache Lunfardo. Allein in Buenos Aires gibt es über die ganze Stadt verteilt rund 180 solche Häuser. Mit speziellen Apps für das Smartphone lässt sich das nächste Angebot rasch finden. Die Häuser unterscheiden sich bei Komfort und Preis – und ihr Klientel ist so vielfältig wie die Angebote selbst.

In der Mittagspause schnell ins Telo

In den Telos am Stadtrand wie dem „General Paz Hotel“ oder dem „Jardines de Babilonia“ findet sich oft die gehobene Mittelklasse, eine Suite kostet hier umgerechnet bis zu 110 Euro für drei Stunden. Im „Jardines de Babilonia“ können Paare einige Stunden im mehrstöckigen Pharaonenzimmer verbringen oder in den Gärten von Babylon mit säulenumkränztem Jacuzzi und Badelandschaft. Für jüngere und weniger gut betuchte Leute gibt es eine Vielzahl einfacherer Angebote.

Um 13 Uhr ist Rushhour im Telo, weiß Melisa Mohoric. Sie arbeitet im Stundenhotel „Rampa Car“ im Stadtteil Palermo und weiß, was für Kundschaft hier herkommt: „Da gibt es zum einen diejenigen, die schnell in ihrer Mittagspause ins Telo fahren. Dann kommen natürlich viele Leute am Wochenende, nachdem sie gefeiert haben. Die dritte Gruppe sind Prostituierte und ihre Freier oder Fremdgeher.“

Die Altersspanne ist groß, allerdings dürfen Telos erst ab 18 Jahren betreten werden – und auch nur zu zweit. Diskretion ist oberstes Gebot: In vielen Telos können die Kunden mit dem Auto bis zur Tür des gemieteten Zimmers fahren.

Deutlich mehr Anfragen von Frauen

Die Telos gehören zum Alltagsleben, die Ansichten darüber gehen allerdings zwischen Männern und Frauen auseinander. Männer finden sie praktisch, Frauen geben oft an, sie nicht zu mögen.

„In Wirklichkeit ist es aber so, dass wir viel mehr Anfragen von Frauen als von Männern bekommen. Außerdem sind es mehrheitlich Frauen, die unseren Newsletter abonnieren und im Internet nach Rabattcoupons suchen“, sagt Mohoric. Sie führt das darauf zurück, dass im Gegensatz zu früher die meisten Betreiber heute mehr Wert auf Hygiene und das Ambiente der Zimmer legen.

Bereits um 1937 entstanden in Argentinien kleine Gasthäuser als Ersatz für Bordelle, nachdem diese verboten worden waren. „Ursprünglich sollten die Telos geheime Treffen ermöglichen, mittlerweile gehen aber alle hin, auch die, die sich nicht mehr verstecken müssen“, erklärt „General Paz Hotel“-Chef Liñares.

Nach dem Sex kommt der Hunger

Das älteste und oft als Schauplatz für argentinische Filme genutzte Telo ist „La Cigarra“ in Palermo. Es war das erste mit Fernseher, Spiegel und Minibar in den Zimmern. In den 1970er-Jahren entdeckte die Mittelklasse die Telos für sich, die Anforderungen an Hygiene, Ausstattung und Service stiegen. Homosexuellen ist es erst seit 1997 gestattet, ein Telo zu besuchen.

In den letzten Jahren ist als wichtiger Punkt das Essen hinzugekommen. „Früher kamen die Leute wirklich nur für Sex ins Telo. Das hat sich geändert. Sie fingen an, auch dort zu übernachten, und wenn man die ganze Zeit im Telo ist, den Jacuzzi nutzt, TV guckt und Liebe macht, bekommen die Gäste natürlich Hunger, erklärt „Rampa Car“-Mitarbeiterin Mohoric. „Um keine Kunden zu verlieren, fingen Telos an, Essen anzubieten.“ So manches argentinische Telo hat sich so zum wahren Luxustempel gemausert.