Neue Mitte

Das bedeutet die Verlegung des Fernbahnhofs Altona

Der Fernbahnhof wird spätestens 2023 zum Diebsteich verlegt und weicht 1900 Wohnungen. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Hamburg. Nach langem Zögern der Deutschen Bahn AG ist nun der Weg frei, im Herzen von Altona einen neuen Stadtteil zu bauen: Am Dienstag einigte sich das Unternehmen mit dem Hamburger Senat auf einen Zeitplan für die Verlegung des Fernbahnhofs Altona zur S-Bahn-Station Diebsteich. Damit kann auch der zweite Abschnitt der Neuen Mitte Altona gebaut werden. Für den ersten Abschnitt haben die Arbeiten bereits begonnen. Insgesamt entstehen dort 3500Wohnungen. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wie sieht der Zeitplan aus?

Bereits im kommenden Jahr will die Bahn AG das formelle Planfeststellungsverfahren für den neuen Bahnhof Diebsteich starten. 2015 will die Stadt das alte Bahngrundstück kaufen. 38,8Millionen Euro zahlt Hamburg dafür. In den kommenden zehn Jahren dürften dann Architekten und Ingenieure reichlich Arbeit bekommen, weil auch die Details zum Bau der 1900 Wohnungen geplant werden müssen, die dort im zweiten Abschnitt der Neuen Mitte Altona gebaut werden, wo heute noch die Gleisanlagen der Fernbahn liegen. Allerdings dürfte der Bau auch erst nach der Verlegung starten, die bis 2023 erfolgt sein muss. Ein Datum, das mit Blick auf die Hamburger Bewerbung für die Olympischen Spiele gewählt wurde. Sollte die Hansestadt den Zuschlag bekommen, soll natürlich auch der modernste Bahnhof der Stadt fertig sein.

Warum hat die Bahn so lange gezögert?

Erste Pläne für eine Verlegung wurden bereits in den 90er-Jahren bekannt. Das Vorhaben gab überhaupt den Anlass dazu, die Neue Mitte Altona zu planen, die immerhin als das zweitgrößte Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs gilt. Als dazu der Masterplan entwickelt wurde, ging die Stadt noch davon aus, dass die Bahn AG bis 2010 ihren endgültigen Verlegungsbeschluss verkündet. Doch zwei Dinge machten der Bahn offensichtlich Angst. Zunächst die massiven Proteste gegen die Bahnhofspläne in Stuttgart („Stuttgart 21“). Dann stellte sich aber auch heraus, dass die Bodensanierung auf dem alten Bahngelände in Altona sehr teuer werden würde, wenn man dort Wohnhäuser bauen will. Zuletzt ließ das Unternehmen deshalb prüfen, ob es nicht reichen würde, die alten und teils maroden Gleisanlagen in Altona lediglich zu sanieren. Eine solche Entscheidung hätte die vorhandenen Pläne zur Neuen Mitte aber mit allerlei Problemen belastet, weil dann dicht an dem neuen Wohngebiet die Fernzüge vorbeigefahren wären.

Was sind die Vorteile für die Stadt?

Ein Vorteil dürfte jetzt sein, dass die Stadt das Gelände einfach kauft. Damit hat es Hamburg in der Hand, was dort gebaut wird und was nicht. So lässt sich aber auch viel einfacher steuern, dass auf dem Neubaugrundstück mitten in der Stadt beispielsweise vorwiegend Sozialwohnungen entstehen oder besonders Baugenossenschaften oder Baugemeinschaften zum Zuge kommen.

Wo liegen die Risiken?

Ein Risiko dürfte noch im Boden des Areals lauern: Über Jahrzehnte lagerte sich dort Öl oder Ruß ab. Wie teuer eine Bodensanierung wird, wie dieser Preis die Entwicklungsmöglichkeiten dort beeinflussen wird – das alles sind noch unbekannte Größen und könnten auch finanzielle Risiken für die Stadt bedeuten. Zwar soll die Sanierung von der Bahn getragen werden. Doch die Kosten sind auf rund sieben Millionen Euro gedeckelt, ein Restrisiko für den Steuerzahler bleibt. Zudem besteht die Gefahr, dass es zu erheblichem Protest in der lokalen Bevölkerung kommt, die nicht auf den wohnortnahen Fernbahnhof verzichten möchte.

Was ist der Vorteil für die Bahn?

Der heutige Fernbahnhof Altona ist ein sogenannter Kopfbahnhof, in den die Züge langsam einfahren und dann rückwärts wieder hinaus. Mit einem neuen Durchgangsbahnhof in Diebsteich ließen sich die betrieblichen Abläufe laut Bahn wesentlich einfacher gestalten und der Zugverkehr würde insgesamt „flüssiger“ erfolgen. Und das würde auch eine Entlastung des Hauptbahnhofes bedeuten, wo heute schon viele Züge wegen Überlastung immer wieder auf eine Einfahrt warten müssen. Zudem erspart sich die Bahn die notwendige und sehr teure Sanierung der alten Gleisanlagen in Altona.

Was passiert mit dem alten Bahnhofsgebäude?

Die Verlegung betrifft nur den Fernbahnteil, aber nicht den S-Bahnhof, der von weit mehr Reisenden genutzt wird. So werden im Bahnhof Altona täglich etwa 100.000 Besucher gezählt, und nur etwa 25.000 davon sind Nutzer der Fernbahnzüge. Zudem gehört der graue Klotz mit seinen vielen Geschäften auch zu großen Teilen gar nicht mehr der Bahn, sondern nach mehreren Verkäufen inzwischen einer Londoner Immobilien AG. Die Bahn betreibt lediglich die Ebene 1 über den S-Bahn-Gleisen, wo es einige kleinere Kioske und Geschäfte gibt. Diese Ebene lässt das Unternehmen gerade für rund 9,3 Millionen Euro modernisieren und dürfte sie kaum abreißen lassen. Das Einkaufszentrum bleibt vermutlich bestehen.