In fünf Jahren keine Kastanien mehr?

Viele Bäume von Bakterium befallen. Erste Fällungen. Experten sprechen von „dramatischer Entwicklung“

Rund 7000 Kastanien wachsen auf Hamburger Stadtgebiet, doch diese Zahl könnte sich in den kommenden zwei bis fünf Jahren sprunghaft verringern. Magnus-Sebastian Kutz, Sprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU), bestätigte dem Abendblatt auf Anfrage einen Bericht der „Bild“-Zeitung über den akuten Befall von Rosskastanien durch ein Bakterium mit dem sperrigen Namen Pseudomonas syringae pv. aesculi: „Was unseren Experten vor allem Sorgen bereitet, ist die Geschwindigkeit, in der sich das Bakterium verbreitet und in der die Bäume an Folgeschädlingen erkranken. Die Lage ist tatsächlich dramatisch. “

Die Mikroben werden vermutlich durch Vögel und den Wind übertragen. Eine Infektion lässt die Rinde der Bäume zunächst bluten. Diese Wunden sind höchst anfällig gegen gegen schädliche Pilze wie den Austernseitling oder Samtfußrübling – eben noch prächtige Rosskastanien verfaulen bei lebendigem Stamm. Bevor ihr morsches Geäst Menschen erschlägt – oder Bäume umfallen –, müssen sie gefällt werden.

Das gefräßige Bakterium, das für den Menschen unschädlich ist, wurde erstmals 2002 in den Niederlanden und fünf Jahre später im Westen Deutschlands, am Niederrhein, festgestellt, etwa zeitgleich mit ersten Fällen, die auch aus Frankreich und Belgien gemeldet wurden. Vermutlich stammt das Bakterium aus Indien, wo es erstmals in den 1970er-Jahren registriert wurde.

„Es betrifft inzwischen ganz Deutschland“, sagt Monika Heupel, Pflanzenschutz-Expertin der Landwirtschaftskammer in Nordrhein-Westfalen, wo bisher die größten Schäden aufgetreten sind: Allein in Krefeld mussten bislang 454 erkrankte Kastanien gefällt werden, jede siebte in der Stadt.

„Auch in Hamburg hat es bereits im vergangenen Jahr einige Fällungen gegeben“, bestätigt BSU-Sprecher Kutz, „doch damals ging man hier noch von Einzelfällen aus. Inzwischen aber hat sich die Lage grundlegend geändert, und deshalb genießt dieses Thema allerhöchste Priorität.“

In Hamburg ist offenbar der Bezirk Bergedorf am stärksten von der tückischen Baumkrankheit betroffen. „An 219 der 1084 im Bezirk registrierten Kastanien wurden Schäden festgestellt, die auf einen Befall der Bäume durch das Bakterium schließen lassen“, sagt Andreas Aholt, Sprecher des Bezirksamtes. Auch der Bezirk Wandsbek meldet die ersten Fälle: Am Haffkruger Weg in Rahlstedt mussten bereits einige Kastanien gefällt werden, an der Soltaus Allee in Bramfeld sind dagegen bisher nur leichte Schäden erkennbar. Forstwirtschaftlich spielt das Kastaniensterben zwar keine Rolle, aber die Rosskastanie, vor etwa 300 Jahren nach Westeuropa gelangt, ist einer der beliebtesten Park- und Alleenbäume. Ist er erst einmal befallen, gibt es bislang kein Gegenmittel. Nur in seltenen Fällen besitzt der Baum genügend eigene Abwehrkraft und kann dem Bakterium trotzen.