Zehn Monate gesucht – Vermisster tot im Kanal

Demenzkranker war in der City aus dem Auto seiner Frau gestiegen und verschwunden

Hamburg/Berlin. Seine Familie hatte die Hoffnung nie aufgegeben. Doch seit gestern ist der Tod von Wolfgang H. traurige Gewissheit. Die Leiche des vermissten 68-Jährigen aus Berlin wurde in einem Kanal in Hamburg-Billbrook entdeckt. Zehn Monate zuvor, am 18. Juni, war der an Demenz leidende gebürtige Neugrabener nahe der Mönckebergstraße aus dem Wagen seiner Frau gestiegen und seitdem spurlos verschwunden.

Wie die Polizei mitteilte, hatten Arbeiter eines Entsorgungsunternehmens den Leichnam bereits vor fünf Wochen, am 13. März, an der Werner-Siemens-Straße im Tidekanal treibend entdeckt und die Polizei alarmiert. Da der Zustand der Leiche sehr schlecht gewesen sei, habe erst ein DNA-Abgleich zur Identifizierung des Vermissten geführt, hieß es. Dieses Verfahren habe so viel Zeit in Anspruch genommen, dass das Ergebnis erst jetzt bekannt wurde.

Auch die Familie von Wolfgang H. wurde erst gestern von der Polizei über den Tod informiert. „Ich hatte bis zuletzt gehofft, dass Wolfgang lebend gefunden wird“, sagte seine Ehefrau Marianne H. dem Abendblatt. Am Dienstagmorgen jedoch besuchten zwei Beamte der Berliner Kripo die Familie in Reinickendorf und überbrachten die traurige Nachricht. Noch am 8. April war die 64-Jährige zu Gast in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ gewesen und hatte sich mit dem Fall ihres verschwundenen Ehemannes an die Öffentlichkeit gewandt. Dass die Leiche schon Wochen zuvor entdeckt worden war, wusste damals noch niemand.

Die Umstände des Verschwindens von Wolfgang H. an jenem Juni-Dienstag 2013 sind rätselhaft. Auf der Altmannbrücke, der Verbindung zwischen Kurt-Schumacher-Allee und Steinstraße, in Sichtweite zum Hauptbahnhof, stieg der ehemalige Bauleiter an einer roten Ampel unvermittelt aus dem Familienauto und lief zur Mönckebergstraße. Seine Frau Marianne H., die am Steuer des Wagens saß, hatte keine Chance, ihm zu folgen. Seitdem fehlte jede Spur von ihm. Die Familie des Verschwundenen versuchte alles, den 68-Jährigen wiederzufinden. Mehr als 4000 Plakate verteilte Marianne H. in Hamburg und den Umlandgemeinden. In ihrer Verzweiflung mischte sie sich zudem unter die Obdachlosen in St. Georg, in der Hoffnung, dass ihr orientierungsloser Mann vielleicht dort gestrandet sein könnte.

Auch im Fernsehen, außer bei Lanz etwa in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“, warb Marianne H. um Hinweise von Zeugen. Alles ohne Erfolg: Die Zahl der verwertbaren Spuren war so gering wie bei sonst keinem Vermisstenfall in Hamburg.

Vielleicht gab es aber auch deshalb keine Hinweise von Hamburgern, weil Wolfgang H. sehr früh verstarb. Den genauen Zeitpunkt des Todes konnten die Experten vom Rechtsmedizinischen Institut am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) zwar nicht mehr feststellen. Die Leiche soll aber schon sehr lange im Wasser gelegen haben. Ein Verbrechen wird ausgeschlossen.

Ungeklärt bleibt, wo genau der 68-Jährige zu Tode kam. Vielleicht hatte sich Wolfgang H. nach Billbrook verlaufen. Der Tidekanal ist allerdings ein den Gezeiten ausgesetztes Gewässer – die Leiche könnte also auch nach Billbrook getrieben worden sein.