Der Bus, der niemals kommt

In Poppenbüttel warten an Demenz erkrankte Heimbewohner an einer Haltestelle, die eine Attrappe ist

Eine Bank, ein Schild mit einem großen „H“, ein Busplan von 2008: Es sieht auf dem ersten Blick nach einer gewöhnlichen Haltestelle aus vor dem Poppenbütteler Pflegeheim der Stiftung „Gast- und Krankenhaus“. Doch alles ist nur eine Attrappe. Hier hält niemals ein Bus, hier sollen die demenzkranken Bewohner anhalten, auf ihrem Weg nach draußen.

Den Hinweis, der auf einem Zettel unter dem veralteten Plan hängt, entdecken sie in der Regel nicht. Hier steht: „Hintergrund für diese Idee ist es, dass Demenzkranke aus unserem Haus weggehen und nicht wieder zurückfinden. Um diesen Weglaufdrang der Bewohner aufzufangen, haben wir uns entschlossen, diese Haltestelle einzurichten.“

Der Weglaufdrang heißt unter Experten inzwischen Hinlauftendenz. Gemeint ist das Gleiche: dieses plötzliche, beunruhigende Gefühl, loszumüssen, dieser starke Impuls, der Demenzkranke auf die Suche nach Vertrautem schickt. „Manche von ihnen packen nachts ihr ganzes Hab und Gut in einen Koffer“, berichtet Barbara Wrobel-Jahn, Leiterin des Betreuungsteams im Pflegeheim Gast- und Krankenhaus. Andere laufen einfach so los.

Und viele verirren sich auf ihrer Suche, vergessen, was und wohin sie wollten. Das kann auch gefährlich werden, die Verirrten können Unfälle verursachen, in einigen Fällen endet das Weglaufen tödlich, weil sie unterkühlen. Mehrmals im Monat ist die Hamburger Polizei mit der Suche nach Demenzkranken beschäftigt. Für Pflegeeinrichtungen wie das Gast- und Krankenhaus mit seinen 168Bewohnern ist es eine der größten Herausforderungen im Umgang mit an Demenz Erkrankten.

Einschließen, fixieren oder sedieren wollen die Pflegekräfte ihre Bewohner nicht, das ist auch nur mit richterlichem Beschluss erlaubt. Es sind andere Ansätze gefragt. In Poppenbüttel hat das Team um Leiterin Anna Maria Felgentreu ein engmaschiges Kontrollnetz geknüpft. Das beginnt damit, dass von jedem Demenzkranken, der zu „Ausflügen“ neigt, ein Foto gemacht wird, das im Falle ihres Verschwindens an die Polizei gemailt werden kann. Zudem nimmt eine Kamera über der Eingangstür ein aktuelles Bild auf, sodass der Polizei auch mitgeteilt werden kann, welche Kleidung der Verschwundene trägt. Außerdem kontrollieren die Mitarbeiter alle halbe Stunde, wo sich „Weglauf-Kandidaten“ gerade aufhalten, und notieren das in einem Protokoll. Wenn sie dennoch verschwinden, wird jeder Bereich abtelefoniert, mit einem Raumplan das Haus durchkämmt, die Angehörigen werden kontaktiert.

Die Phantom-Haltestelle vor dem Gebäude ist in diesem Plan ein Baustein. Das Haltestellenschild hat für die nach draußen Strebenden eher die Funktion eines Stoppschilds. Sie denken „Ach, hier ist ja schon die Bushaltestelle. Hier kann ich warten.“ Oft dauere es keine 20 Minuten, dann sei der Drang, loszuziehen, schon wieder abgeklungen, der Grund zum Aufbruch vergessen, erzählt Teamleiterin Wrobel-Jahn.

Schein-Bushaltestellen seien erstmals in Nordrhein-Westfalen ausprobiert worden, von dort habe sich die Idee in Deutschland verbreitet, berichtet Evelyn Maurer aus dem Betreuungsteam. Für die Hamburger Einrichtung wurde die Haltestellen-Attrappe interessant, weil eine Dame regelmäßig an die Alte Landstraße lief und mit der Linie 19 Richtung Eppendorf und Landungsbrücken fuhr. Doch als Schild und Bank im Sommer 2009 vor dem Pflegeheim standen, war die Dame gesundheitlich gar nicht mehr in der Lage, das Haus zu verlassen. Die Bushaltestelle blieb dennoch. Bis heute.

Auf ihrem Rundgang trifft Teamleiterin Wrobel-Jahn einen älteren Bewohner, er hat Zettel und Papier in der Hand. Er müsse seinen Kindern mitteilen, wo er gerade sei, erzählt er und erblickt das Bushaltestellenschild vor der Eingangstür. Er scheint erleichtert zu sein, läuft nach draußen, betrachtet den veralteten Plan, notiert sich etwas auf seinem Zettel. Dann schlendert er weiter an die Straße. Und wartet.

Einige halten Maßnahmen wie Pseudo-Bushaltestellen für den falschen Weg. „Die Vorspiegelung einer Realität, die so nicht existiert, widerspricht einem würdevollen Umgang mit den Demenzkranken“, sagt Altersforscherin Dr. Marion Bär von der Universität Heidelberg im Gespräch mit dem Abendblatt. Die 41-Jährige erklärt, sie habe großes Verständnis für die Nöte von Pflegeheimen, oft kämen die Mitarbeiter „an ihre Grenzen“, dann seien Einrichtungen wie die falschen Bushaltestellen Möglichkeiten, „Schlimmeres zu verhindern“. Aber: „Grundsätzlich kann eine falsche Bushaltestelle kein Konzept, sondern nur eine Notlösung sein.“

Ähnlich sieht das auch Sophie Rosentreter. Die 38 Jahre alte TV-Moderatorin und Schauspielerin pflegte ihre an Demenz erkrankte Oma bis zu ihrem Tod und gründete 2010 die Firma „Ilses weite Welt“, dreht nun Filme für Demenzkranke, gibt Schulungen für Fachpersonal und Angehörige. Von den falschen Bushaltestellen hält sie nicht viel. „Ich finde es grenzwertig, wenn man falsche Tatsachen vortäuscht.“ Viel wichtiger sei es, den Erkrankten Wertschätzung entgegenzubringen und den wahren Grund hinter dem Bedürfnis, loszulaufen, zu erkennen.

Genau das tue das Betreuungsteam vom Gast- und Krankenhaus auch, erzählt Evelyn Maurer, wenn man sich mit den Bewohnern an die Haltestelle setze. „Wir veräppeln die Bewohner nicht, wir begeben uns gefühlsmäßig auf eine Ebene.“ Die Bushaltestelle ist in der Perspektive des Betreuungsteams nur ein weiteres Element, beruhigende Erinnerungen abzurufen.

Wie der kleine Kräutergarten im Innenhof und die alten Einrichtungsgegenstände, die überall im Gebäude verstreut sind: riesige Radios mit großen Drehknöpfen, eine Nähmaschine, ein Feuerholz-Herd, Ohrensessel – alles, was man von früher kennt. Die heimelige Atmosphäre, darauf komme es an, sagt Teamleiterin Wrobel-Jahn: „Wir wollen den Bewohnern eine warme Decke um die Schultern legen.“