Eimsbüttels Schlagloch-Detektive

Messfahrzeug „Argus“ filmt Fahrbahn und misst Schäden millimetergenau

Argus hatte 100 Augen, von denen einige schliefen, während der Rest wachte. So konnte der Riese Argus Io immer im Auge behalten, damit es nicht zu einem Schäferstündchen zwischen ihr und ihrem Geliebten Zeus kam. Dieser Argus, der an diesem Mittag auf der Sylvesterallee an der Imtech-Arena vorüberfährt, hat keine 100Augen, aber sechs Kameras und 34Lasersensoren, mit denen das Messfahrzeug Straßen abtastet.

Bernd Schwab und seine Kollegin Belinda Bongards sind mit dem orangefarbenen Sprinter des TÜV Rheinland aus Essen im Auftrag des Bezirksamts Eimsbüttel unterwegs, um erstmals 275Kilometer Straße zu erfassen. Eine Foto- und Videodokumentation der Straßenoberfläche macht auf einen Blick deutlich, wo sich Flickstellen und Schlaglöcher befinden und wie groß sie sind. Der Einsatz des Schlaglochmobils soll helfen, den Sanierungsstau bei Straßen aufzulösen. Dies sei im Sinne des Steuerzahlers: „Dadurch können die vorhandenen Haushaltsmittel gezielter und effizienter eingesetzt werden“, sagt Aileen Röpcke, Sprecherin des Bezirksamts Eimsbüttel.

Bernd Schwab fährt das Messfahrzeug täglich von 8 bis 18 Uhr durch Eimsbüttel, während seine Kollegin den Computer am Beifahrersitz bedient und mit Daten füttert. Dabei reiht sich der Sprinter in den fließenden Verkehr ein, eine konstante Geschwindigkeit ist nicht nötig. Selbst Tunnelstrecken oder schattige Alleen werden genau gefilmt und durch Stroboskope ausgeleuchtet. Das trockene Wetter kommt den Messungen zugute, denn bei nasser Fahrbahn ist eine Messung nicht möglich. Pro Tag schafft das Messteam 30 Kilometer. „Argus“ (steht für Automatic Roadcondition Graduating Unit System) kann Risse mit mindestens einem halben Millimeter Breite erfassen. Der Einsatz kostet den Bezirk 39.924,50 Euro. Röpcke: „Wir planen, die Befahrung in einem Zwei- bis Dreijahresrhythmus durchzuführen.“

Die Ergebnisse werden auf Zustandskarten abgebildet und dienen als Grundlage für ein Erhaltungskonzept. Der Bezirk kann mit den Daten langfristig beobachten, wie sich der Straßenzustand entwickelt. „Ziel ist eine kontinuierliche Verbesserung“, sagt Röpcke.

Der milde Winter hat zwar Hamburgs Straßen weitgehend von neuen Frostschäden verschont, der Zustand der Fahrbahnen bleibt dennoch schlecht. „Insgesamt ist keine deutliche Veränderung der vorhandenen Schäden und der Schadenshöhe zu verzeichnen“, sagt Madlen Pieth vom Bezirksamt Wandsbek. Für die Sanierung und Instandhaltung der Hamburger Straßen stellt der Senat in diesem Jahr 72 Millionen Euro bereit. Nach Angaben der Behörde so viel wie noch nie. Im vorigen Jahr waren es 69Millionen Euro.

„Die Infrastruktur ist altersbedingt in der Tendenz deutlich anfälliger gegen Beanspruchungen geworden, sodass mit einem Nachlassen der erforderlichen Unterhaltungsarbeiten nicht zu rechnen ist“, heißt es auch aus anderen Bezirken. „Die Substanz der Straßen hat sich zwar nicht verschlechtert, aber auch nicht signifikant verbessert“, sagt Katja Glahn, Sprecherin des Bezirksamts Hamburg-Nord. Allein im Bezirk Nord stehen in diesem Jahr 2,65Millionen Euro bereit, plus rund 780.000 Euro Restmittel aus dem vergangenen Jahr, also rund 3,43 Millionen Euro, die komplett aufgebraucht werden sollen. Im Bezirk Eimsbüttel stehen für Instandsetzung und Unterhaltung der Straßen etwas sieben Millionen Euro zur Verfügung.

Die Bezirke haben Schwierigkeiten, das Geld für die Straßensanierung tatsächlich einzusetzen, weil es häufig zu wenig Personal gibt. Vor allem der Fachkräftemangel unter Bauingenieuren macht Probleme. In Hamburg kann ein Drittel der ausgeschriebenen Stellen für Bauingenieure im öffentlichen Dienst nicht im ersten Anlauf besetzt werden. „Es geht dabei nicht so sehr um das Koordinieren als viel mehr um das Planen von Maßnahmen. Eine Planung wird immer bei größeren Maßnahmen benötigt, nicht bei Schlaglöchern“, sagt Helga Krstanoski, Sprecherin der Verkehrsbehörde.

Die für die Hauptverkehrsstraßen zuständige Verkehrsbehörde hat im vergangenen Jahr 64 Kilometer Fahrbahn saniert. Für dieses Jahr hat sich der Senat vorgenommen, 83 Kilometer der Hauptverkehrsstraßen zu sanieren.

„Argus“ hat seinen Einsatz inzwischen beendet. Zunächst. Denn in diesem Jahr ist noch die Befahrung aller Hamburger Hauptverkehrsstraßen und der Vorfahrtsstraßen vorgesehen.