„Es gibt keine Zufälle“

Kartenlegerin Sylvie Kollin sagt die Zukunft vorher. Die meisten ihrer Kunden sind Frauen

Kapstadt, Wind. Dubai, extreme Sonne. Hamburg, Regen. Ihre Frisur sitzt. Eine feuerrote Haarpracht, durchzogen von schwarzen Strähnchen. Moment, da war doch was, genau: rote Haare gleich Hexe, gleich Hellseherin, gleich esoterischer Hokuspokus.

Sylvie Kollin lächelt milde. Diese Diskussion hat sie nicht nötig. Nicht mehr. Sie ist seit 25 Jahren im Geschäft, gilt als „Deutschlands Kartenlegerin Nummer eins“. Ein Titel, den sie sich nicht selbst verliehen hat, sondern der ihr durch die Medien angedichtet wurde, wenn publik wurde, dass mal wieder eine oder einer der Schönen und der Reichen, der Prominenten auch mal Halt suchen. Was sie aus Gründen der Scham jedoch häufig nicht zugeben wollen. Uwe Ochsenknecht und Jan Fedder bilden diesbezüglich zwei Ausnahmen. Vom kauzigen Hamburger („Großstadtrevier"“) ist der Ausspruch überliefert: „Zu der gehe ich nie wieder hin, das stimmt ja alles!“

„Ja, meine Trefferquote liegt bei annähernd 90 Prozent“, sagt Sylvie Kollin, aber es klingt bescheiden. Sie gibt offen zu, dass sie sich auch schon mal geirrt habe. „Besonders gut kann man mit allgemeinen Prognosen hereinfallen. Beispielsweise hatte ich mich getäuscht, als ich sagte, Wulff tritt nicht zurück.“ Dafür habe sie Jahre zuvor den knappen Wahlsieg Gerhard Schröders richtig vorhergesehen.

Die Materie sei ernsthaft: „Niemand kann seinem Schicksal entgehen oder ihm vorbeugen. Aber man kann gelassener damit umgehen und sich darauf einstellen, was sehr wahrscheinlich eintreten wird. So verhält man sich anders, als wenn man vollkommen überrumpelt wird.“ Niemals würde sie jedoch behaupten, die Zukunft in allen Details zu kennen. Und niemals würde sie den Tod vorhersagen: „Der trifft ja bekanntlich irgendwann immer ein. Im Übrigen bedeutet die Todeskarte mitnichten das Ende allen Lebens, sondern der Abschluss einer Phase mit darauffolgendem Neubeginn“, sagt sie. Übersinnliche Fähigkeiten? „Sicherlich könnten viele Leute, die sich für die Sterne und die Karten interessieren, meinen Job machen. Aber man muss Lebenserfahrung mitbringen.“

Von der sie reichlich zu bieten hat. Schon früh stand sie auf eigenen Füßen, ging aus Lüdenscheid (Nordrhein-Westfalen), wo sie geboren wurde, mit 17 als Au Pair nach New York, fuhr dann acht Jahre lang für Hapag-Lloyd zur See, heiratete einen Seemann, verließ ihn, als sie wieder an Land ging, betrieb später in Hannover eine Gaststätte – und ließ sich, betroffen vom Burn-out-Syndrom, wie sie sagt, vor 25 Jahren erstmals selbst die Karten legen.

„Eigentlich hatte ich mit einer Art Spiel gerechnet, das man nicht ernst nehmen müsse. Aber auf dieser Sitzung bekam ich die Antworten auf viele Fragen, die ich mir bis dahin gestellt hatte, bestätigt.“ Und nur darum gehe es, denn „die Leute, die zu mir finden, wissen praktisch immer die Antwort schon selbst. Sechs Jahre lang habe ich dann geübt, bevor ich den Sprung in die Professionalität gewagt habe.“

Sie redet schnell, ist quirlig, findet klare Worte und hält nichts von „esoterischem Brimborium“ wie wallenden Gewändern, künstlichen Nebelschwaden. Mit höchstmöglicher Geschwindigkeit wird der astrologische Geburtstag analysiert („Ah ja, Mars, Sie sind ein Krieger, der sich sein Glück stets erarbeitet. Lottospielen können Sie vergessen!“), dann mischt der Kunde „seine Schicksalskarten“, bevor Sylvie Kollin das Blatt dann auslegt, erste kurze Schlüsse zieht und ebenso kurze Fragen stellt. „Ihre Stärke ist die Empathie, die Fähigkeit nachzuspüren, was ihr Gegenüber empfindet“, sagt eine Stammkundin, regelmäßige Teilnehmerin des Hamburger Sternenstammtischs mit Sylvie Kollin.

75 Prozent ihrer Stammkunden sind Frauen. „Zwischen 35 und 45 geht es meist um Trennungen und Scheidungen. Zwischen 50 und 60 Jahren lautet die Frage dann: Kommt da noch einer? Und die über 80-Jährigen wünschen sich häufig einen Ratschlag zum Vererben.“

Gerade hat Kollin wieder eine Tour de Force absolviert, zu ihren Kunden, die auf der ganzen Welt verstreut leben und ein bis zweimal im Jahr auf ihre Fähigkeit vertrauen, aus den Karten herauszulesen, was sie erwarten können, dürfen und müssen. „Es gibt keine Zufälle. Es ist alles vorbestimmt“, sagt Sylvie Kollin, „die Karten sagen, was sowieso kommt.“ Wobei sie jedoch weder den Blumentopf meint, der einem auf den Kopf fällt noch die Lottozahlen vom kommenden Ziehungstag. Sondern das Leben an sich. Unumwunden gibt sie zu, dass sie unangenehme Wahrheiten nur sehr ungern erwähnt. „Allerdings kann man seinem Schicksal zwar nicht aus dem Weg gehen, aber man kann ihm besser vorbereitet begegnen.“

Positive und negative Einflüsse unterscheiden sich nicht im Preis. Beim ersten Mal kostet Sylvie Kollins „Lebenshilfe“ 195 Euro, Stammkunden zahlen 170.

Niemand kann seinem Schicksal entgehen oder ihm vorbeugen.