Tonndorf wie es früher war

Jeder Stadtteil hat seine eigene Geschichte. Der Historiker und Abendblatt-Redakteur Dr. Matthias Schmoock hat sich auf eine Zeitreise begeben

Tonndorfs Geschichte ist durch zwei Faktoren geprägt: die Lage an der einstigen Lübschen Landstraße zwischen Hamburg und Lübeck und die unmittelbare Nachbarschaft zur Stadt Wandsbek.

Die Alte Dorfstraße, die heutige B 75, und die Fernbahn zerteilen Tonndorf seit Jahrzehnten. Schon 1856 hatten die Gleise der neu erbauten Lübeck-Büchener Eisenbahn das kleine Dorf in zwei Hälften geschnitten. Es gab fünf Bahnübergänge, und die Bewohner mussten oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen, wenn sie beispielsweise von ihren Höfen zu den Feldern und wieder zurück fahren wollten.

Aufgrund der frühen Zweiteilung konnte sich in Tonndorf nie ein echtes Ortszentrum entwickeln, zugleich war dem Dorf ein Schicksal als Durchgangsstation vorbestimmt. Kaum zu glauben: Schon 1913 sollte ein Bahnhof gebaut werden, um das Verkehrsknäuel zu entwirren. Bahnsteig und Gleise sollten hochgelegt werden, die Chaussee (die spätere Tonndorfer Hauptstraße) und den Sonnenweg wollte man darunter hindurchführen.

Die Pläne wurden wegen des Ersten Weltkriegs zu den Akten gelegt, wo sie Jahrzehntelang schlummerten. Einen Bahnhof (Wandsbek Ost) erhielt Tonndorf erst 1935, vor allem, um einen besseren Anschluss für die Estorff- und die Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld zu schaffen. Die Untertunnelung der Straßen erfolgte erst in den Jahren 2006 beziehungsweise 2007.

Tonndorf kam im Laufe der Jahrhunderte gleich zweimal zu Wandsbek. 1646 hatte es der Wandsbeker Gutsherr Albert Behrens zusammen mit Hinschenfelde gekauft, um vor Ort die vier von der Wandse angetriebenen Mühlen nutzen zu können. Nachdem Schleswig-Holstein preußisch geworden war, wurde Tonndorf 1867 zunächst als Tonndorf-Lohe selbstständige Gemeinde, bevor es von 1927 an wiederum einen Teil Wandsbeks bildete.

In der Gegend zwischen Sonnenweg und Ostende hatte die Wandsbeker Garnison jahrelang ihren Exerzierplatz und einen Schießstand, zeitweise wurde das Gelände auch als Pferderennbahn genutzt. Die Tiere stellte man im nahe gelegenen Schinkenkrug unter.

Seit dem späten 19. Jahrhundert war Tonndorfs Einwohnerzahl immer weiter gestiegen. 1870 hatte sie 220 betragen, 1880 genau 475, und 1890 lebten hier schon 570 Menschen. 1910 war die Zahl bereits auf 1500 angewachsen.

Weitere Schritte, die die Entwicklung zum Stadtteil vorwegnahmen: 1896 erhielt Tonndorf-Lohe eine eigene Schule, 1900 nahm ein Pferdeomnibus die Fahrt nach Wandsbek auf. 1909 wurden Straßennamen und Hausnummern eingeführt, 1912 brachten Gasleitungen Licht in die Häuser.

Als Tonndorf 1927 (wieder) Teil Wandsbeks wurde, fiel Lohe an Rahlstedt. Mit der Eingemeindung kam in Tonndorf eine sechsklassige Schule zum Wandsbeker Schulsystem hinzu. Jenfeld steuerte eine zweiklassige Schule bei. 1937/38 folgte die Eingemeindung nach Hamburg. 1947/48 gründeten Walter Koppel und Gyula Trebitsch im Stadtteil die Real Film, aus der das Studio Hamburg hervorging.

Noch bis in die 1950er-Jahre hatte sich Tonndorf an vielen Stellen ein ländliches Erscheinungsbild bewahrt. Die alte Dorfschmiede stand nach dem Krieg noch, und viele Felder wurden als Schrebergartenanlagen genutzt. Hier lebten vor allem ausgebombte Hamburger oder Heimatvertriebene. Doch von den Tonndorfer Bauernhöfen ist nichts übrig geblieben.

Großbauer Heinrich Krochmann verkaufte Anfang der 1950er-Jahre gleich 30 Hektar seiner Ländereien als Bauland, eine alte Scheune des Hofes wurde zum Kino umgestaltet.

Auch das Gelände der Hohenhorster Großsiedlung war ursprünglich Bauernland, das in den 1950er-Jahren verkauft wurde. Villa und Hof der Familie Hinsch gingen im Studio Hamburg auf. Die ehemalige Hofstelle der Familie Niemeier ist heute ebenfalls Studiogelände.

Tonndorf kam gleich zweimal zu Wandsbek. Die Eisenbahn teilte das Dorf in zwei Hälften, machte es zur Durchgangsstation.