Osdorf wie es früher war

Jeder Stadtteil hat seine eigene Geschichte. Der Historiker und Abendblatt-Redakteur Dr. Matthias Schmoock hat sich auf eine Zeitreise begeben

Hochhäuser, Siedlungsbauten, Villen – dieser Stadtteil hat viele Gegenden, die aus ganz unterschiedlichen Zeitabschnitten stammen. Eine Zeitreise durch Osdorf ist auch immer ein wenig Architekturgeschichte. Wie viele andere schlecht oder gar nicht gesicherte Dörfer im Umkreis Hamburgs hatte auch Osdorf während des Dreißigjährigen Krieges ziemlich schwer zu leiden.

Im Nordischen Krieg sah es nicht viel besser aus, unter anderem richteten die Dänen 1712 in dem erstmals 1268 erwähnten Oslevesthorpe ihr Pesthospital ein. 1771 wurden die Karten neu gemischt beziehungsweise das Land neu verteilt: mit der Aufhebung der Feldgemeinschaften und der anschließenden Verkoppelung.

Osdorf blieb danach lange ein kleines Bauerndorf, dessen Höfe in Alt-Osdorf zum Teil noch bis in die 1960er-Jahre erhalten waren und dann bis auf ein paar Ausnahmen verschwinden mussten. In der Chronik des Bürger- und Heimatvereins Osdorf sind sie noch abgebildet, heute abgerissen: Lesebergs Schmiede an der Osdorfer Landstraße, der Hof der Familie Evers an der Ecke Goosacker/Osdorfer Landstraße, Wendt’s Gasthof und viele andere. Allerdings war beim Ausbau der Osdorfer Landstraße 1938 auch schon etliches der Spitzhacke zum Opfer gefallen, darunter die Höfe mit den Hausnummern 182, 184 und 201 bis 203. Zurück in die Kaiserzeit: 1880 hatten noch 540 Menschen in Osdorf gelebt, aber auch hier wurde immer stärker gebaut, sodass die Einwohnerzahl im Jahr 1900 bereits bei 1393 lag.

Altona hatte schon lange ein Auge auf das Dorf geworfen und hier 1870 eine Armenanstalt errichtet – das Altonaer Landpflegeheim. Obwohl das Dorf mit den seinerzeit 1088 Einwohnern erst 1927 nach Altona eingemeindet wurde, sind Altonas Pläne für Siedlungsbauten in Osdorf schon älter. Unter anderem sollten dorthin Umsiedler aus Altona-Altstadt ziehen, weil dort die Sanierung anstand. In den 1930er-Jahren (und auch nach dem Zweiten Weltkrieg) wurden bis hinauf nach Lurup auf mehr als 20 Hektar an Straßen wie Rugenbarg, Blomkamp und Flurstraße Siedlungshäuser (zumeist Doppelhäuser) zu günstigen Krediten errichtet, die noch heute das Erscheinungsbild dieser Straßenzüge prägen. Allerdings werden die großen Gärten, die einst für die Selbstversorger geplant waren, heute anders genutzt, und aus Ställen sind längst Garagen geworden.

Völlig anders entwickelte sich von 1896 an das Hochkamp-Gelände südwestlich der Osdorfer Landstraße, das – im Gegensatz zum restlichen Osdorf – zu den Elbvororten gezählt wird. Es wurde zum überwiegenden Teil als großzügiges Villengebiet parzelliert und verkauft – inklusive Bahnhof. Der Verein Hochkamp e. V. von 1918 achtet auf die Einhaltung der sogenannten Hochkamp-Klausel, die eine Aufteilung und Nachverdichtung der zum Teil parkähnlichen Gärten praktisch unmöglich machen.

Dazwischen entstanden in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren viele Reihenhäuser, die wegen ihrer elbnahen Lage heute teilweise zu schicken Stadthäusern geworden sind.

Der Name der Villensiedlung Hochkamp ist übrigens frei gewählt. Die dazugehörenden Ländereien lagen zwar auf einem Osdorfer Flurstück namens Hohenfelde, aber der Antrag, Ortsteil und Bahnhof auch so zu nennen, wurde abgelehnt. Einer der Gründe: Verwechslungen mit dem Hamburger Hohenfelde seien nicht auszuschließen. Erst 1927 fuhr ein Bus der „Verkehrs-Aktiengesellschaft Altona“ (VAGA) nach Osdorf hinein.

Von 6030 im Jahr 1935 verdoppelte sich Osdorfs Einwohnerzahl bis 1954 auf mehr als 12.000. Stark geprägt ist das Image Osdorfs durch die Großwohnsiedlung Osdorfer Born, die von 1966/1967 an gebaut wurde. Sie nimmt rund 104 Hektar der Osdorfer Feldmark ein und sorgte für einen starken Anstieg der Bevölkerungszahlen. Beispielsweise im Jahr 2004 lebten hier 25.417 Menschen, von denen fast genau die Hälfte (12.600) am Osdorfer Born wohnte.

Altona hatte schon früh Pläne für Siedlungsbauten in Osdorf – um die Altstadt sanieren zu können.

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