Vom Eismeer ins Imkerhaus

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Edgar S. Hasse

Heino Susott, früher Tierpfleger von Walross Antje bei Hagenbeck, engagiert sich heute in Bramfeld

Ach, war sie schön. Wie Antje, das Walross bei Hagenbeck, mit ihren kleinen, leicht verquollenen Augen so süß aus dem Wasser blickte. Wie ihre runzelige, dicke Haut mit den triefend nassen Barthaaren leuchtend in der Sonne glänzte. Und wenn ihr schließlich Tierpfleger Heino Susott frische Fische servierte, robbte das gut 750 Kilogramm schwere Tier vor den Augen der Tierparkbesucher aus dem Wasser. Antje, das NDR-Maskottchen, war ein Star. Aber Heino Susott, 20 Jahre lang ihr Tierpfleger, war es auch.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Heino Susott, 78, nicht an seinen Schützling denkt. Dann kramt er in alten Fotos, Zeitungsausschnitten und in seinen Erinnerungen. Dann denkt er an jenen Tag im Juli vor zehn Jahren zurück, als Antje im biblischen Walrossalter von 27 Jahren starb. Aber sehr lange dauert die Reise des Hamburger Rentners in die Vergangenheit nicht. Dafür hat der kleine, drahtige Mann mit den hellwachen Augen gar keine Zeit. Denn Ex-Tierpfleger Heino Susott, Ehrenvorsitzender des Bramfelder Imkervereins, betreut das Imkerhaus auf dem Gelände des Umweltzentrums Gut Karlshöhe in Bramfeld. Auch im Winter ist er jeden Tag hier und kümmert sich um Schulklassen, die viel Wissenswertes über Fauna und Flora erfahren wollen. „Mädchen für alles“ – so beschreibt der humorvolle Imker und Hobby-Umweltpädagoge seine Aufgaben in einer der größten Umweltbildungsstätten Deutschlands mit jährlich 30.000 Besuchern. Er weiht Mädchen und Jungen in die Geheimnisse der Bienenvölker ein und bringt Nachwuchskräften das Handwerkszeug der Imkerei bei. Vor allem ist der Pensionär seinen Grundsätzen treu geblieben: Er gibt noch immer sein fundiertes Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt an die junge Generation weiter.

Seine Schützlinge bringen allerdings nicht mehr 750 Kilogramm, sondern gerade mal 0,1 Gramm pro Exemplar auf die Waage. In diesen kalten Tagen machen die rund 20 Bienenvölker auf Gut Karlshöhe ihren Winterschlaf. Susott sitzt im Imkerhuus und hat gleich diese Informationen parat: „Wissen Sie“, sagt er, „wenn die Bienen merken, dass sie sterben, fliegen sie hinaus in die Kälte. Dort kommen sie dann ums Leben.“ Dem Volk, fügt er hinzu, fallen die alten, sterbenden Bienen also nicht zur Last.

Susott holt eine Zeitungsseite des Hamburger Abendblatts vom 8.Oktober 1998 aus seinem Fundus. Auf dem Titel ist ein Foto zu sehen, das ihn und Antje zeigt. „Jetzt heißt es Abschied nehmen“ steht darüber. Damals ging der Tierpfleger in Rente und ließ die Journalisten wissen, dass er künftig gern Studienreisen unternehmen würde. Doch am liebsten legt er heute jene 700 Meter zwischen seinem Haus mit dem 1000 Quadratmeter großen Garten und dem Gut Karlshöhe zurück.

Das geräumige Domizil mit dem großen Unterrichtsraum ist so etwas wie sein zweites Zuhause geworden. Im Sommer zählt es zu seinen größten Freuden, bereits frühmorgens um 5Uhr auf dem Gutsgelände mit der blühenden Streuobstwiese zu sein. Hier kennt er sich gut aus, denn schließlich zählt Heino Susott zu den Gründungsmitgliedern des Umweltzentrums.

Wie er einst Antje in sein Herz geschlossen hatte, so liebt er heute die Bienen. „Sie sind klitzeklein, wunderschön, können stechen und geben in guten Jahren viel Honig“, schwärmt er über die Insekten. Und wie war sie, die Antje? „Sie war ein tolles, liebes Mädchen. Ich war ihre Mama.“ Heino Susott bereitete ihr Mahlzeiten aus Fischsuppe und kredenzte der Jubilarin alljährlich zum Geburtstag eine Quarktorte mit reichlich Meerestieren. Selbst die Silvesternächte verbrachte er bei dem imposanten Tier, um es mit klassischer Musik von der lärmenden Silvesterknallerei abzulenken.

Den Schulkindern erzählt der Tierpfleger gern von seiner Zeit bei Hagenbeck. Von Antje, die inzwischen präpariert im Zoologischen Museum zu sehen ist. Von fleißigen Bienen, die pro Volk rund 20 Kilogramm Honig produzieren. Zum Schluss hat Susott noch zwei Tipps parat: Die Erlebnisausstellung „Jahreszeit Hamburg“ auf dem Gutsgelände müsse man unbedingt besuchen. Und natürlich Hagenbecks neues „Eismeer“ mit der neuen Antje, die Neseyka heißt.

Sie war ein tolles, liebes Mädchen. Ich war ihre Mama.