Erst die Kinder, dann das Geschäft

Es ist schwierig, Beruf und Familie gerecht zu werden. Anna Kuhnt machte sich selbstständig

Es ist diese eine Entscheidung, die jede Frau im Leben treffen muss: Möchte ich Kinder – oder möchte ich keine? Anna Kuhnt brauchte nicht lang, um sie zu fällen: Sie wollte unbedingt welche, und sie wollte für sie da sein. Und auf gar keinen Fall wollte sie aufhören zu arbeiten.

Anna Kuhnt steht in ihrer Küche in der Oelkersallee, jetzt ist sie ihre Fabrik. Eigentlich ist sie Buchhändlerin. Das war der Beruf, den sie unbedingt lernen wollte, weil sie Bücher liebte, mit Mitte 20 war sie Filialleiterin einer Buchhandelskette. 60 Stunden hat sie mindestens in der Woche gearbeitet, und dann, mit 28, wurde sie schwanger. Inzwischen hat Anna Kuhnt zwei Kinder und ein eigenes Label.

Anna Kuhnts Fabrik heißt „Herr Fuchs“. Ein Designlabel, das handbestickte Kissen vertreibt, bedruckte Teller und allerhand mehr. Die letzten Nachrichten waren gut. Etsy, ein E-Commerce-Portal aus den USA, empfiehlt ihre Produkte, auch das Lifestyle-Magazin „Living At Home“ hat das kleine Label entdeckt. Besonders die Teller sind in letzter Zeit gefragt. Anna Kuhnt kauft sie auf Flohmärkten und bedruckt sie, zum Beispiel mit dem Spruch „Seemanns Braut ist die See“. Kleine, schlichte Designobjekte, Vintage aus Hamburg, das kommt an in der Welt. „Ich mag Dinge, die nordisch sind und klassisch“, sagt Anna Kuhnt. „Und ich mag das Raubeinige des Hafens, das er sicher früher noch mehr hatte als jetzt.“ Das plüschig Verspielte sucht man in ihren Produkten vergeblich.

Das ist fast ein bisschen überraschend. Viele Frauen, die Mutter werden, entdecken klassische Handarbeiten für sich, Nähen, Stricken und Häkeln liegen wieder im Trend. Doch dann wird es meist eher niedlich. Läden von Ottensen bis Eppendorf stehen voller Fliegenpilze und Eulen und drum herum Holzspielzeug in den schönsten Farben und Formen. Zwei Hamburger Beraterinnen hat das auf „Spiegel Online“ in einen ziemlich gut formulierten Wutausbruch getrieben: „Mitten in der Zeit von der Leyens und öffentlicher #aufschreie hat sich ein bedrohlich biedermeierlicher Trend eingeschlichen, der von Frauen verlangt, alles zu verhübschen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist“, schreiben Miriam Collée und Katrin Wilkens. „Adventskalender? Selbstgebastelt. Tischdeko? Jahreszeitlich wechselnd. Ketchup? Selbst gekocht und hübsch beschriftet im Retro-Glas. Blöderweise vergessen wir dabei eines: unsere Karriere.“

Anna Kuhnt ist hierfür ein gutes Gegenbeispiel – sie hat Kinder und baut sich Schritt für Schritt eine eigene Existenz auf. Während die Kinder in der Kita sind, beantwortet sie Anfragen zu ihren Produkten, bestellt Stoffe und Verpackungsmaterial im Internet. Ihren Stickrahmen hat sie immer dabei, sodass sie auch unterwegs mal ein paar Stiche schafft. Und wenn die Kinder abends im Bett sind, setzt sie sich noch einmal in die Küche und druckt. Den Entschluss, keine Bücher mehr zu verkaufen, dafür aber zu sticken und zu drucken, hat sie ganz bewusst getroffen. „Ich war schon vor den Kindern nicht mehr wirklich zufrieden mit meinem Job“, erzählt sie bei einem Kaffee in ihrer Küche.

Die wenigsten Frauen übernehmen nach der Elternzeit den Job, den sie vorher hatten. Doch fast alle tappen in die Teilzeitfalle. Dass Anna Kuhnt den Job in einer Buchhandlung nicht weitermachen wollte, war schnell klar – zurück ins 60-Stunden-Hamsterrad und die Kinder acht Stunden am Tag in die Kita? Das kam für sie nicht infrage, für ihren Lebensgefährten auch nicht. Der ist selbst freiberuflicher Programmierer und Musiker. Wenn man so will, hat Anna Kuhnt also das einzige „feste“ Einkommen der kleinen Familie aufgegeben. Eine Entscheidung, die mehrere Auslöser hatte. „Mein Job war zwar stressig, das fand ich aber nie schlimm, ganz im Gegenteil, ich habe mich total reingehängt. Aber als ich dann weg war, hat es halt eine andere gemacht. Und das war irgendwie kein schönes Gefühl. Und dann, als ich gemerkt habe, wie überflüssig und ersetzbar ich bin, kam der Gedanke: Hey, du verkaufst dich doch eigentlich auch unter Wert. Soll das jetzt immer so weiter gehen, der ganze Stress, für so wenig Geld im Monat?“

Da war es eigentlich schon entschieden. Ihre ersten Schritte in die Freiberuflichkeit hatte sie bereits vor Jahren unternommen: Noch als Filialleiterin hatte sie die Idee, ein eigenes Spiel zu entwerfen, das „Street Art Hamburg Zwillingsspiel“. Dafür fotografierte sie Motive und klebte sie auf Spielkarten, eine Art Memory für Freunde der vergänglichen Kunst. Nacht für Nacht saß sie in ihrer Küche, klebte und schnitt, unter Street-Art-Fans wurde das „Zwillingsspiel“ schnell ein Renner. Den Vertrieb organisierte Anna Kuhnt selbst – über das Internet und ein paar Hamburger Geschäfte, die das Spiel sofort mochten. Erst dann gründete sie das Label „Herr Fuchs“.

Die Ideen kamen schrittweise mit ihnen immer neue Produkte. „Herr Fuchs“ ist inzwischen so erfolgreich, dass Anna Kuhnt davon leben kann. Wenn Designportale anfragen, wer hinter ihrem Label steckt, sind sie überrascht: eine einzige Frau? Eine Mutter von zwei Kindern, die gerade mal drei und fünf sind, die das alles von zu Hause macht? Anna Kuhnt lächelt und nickt. „Ja, man muss auch diszipliniert sein. Manchmal geht es sehr spät ins Bett. Aber am nächsten Tag ist das trotzdem ein gutes Gefühl: Das in der Nacht noch alles geschafft zu haben.“

Manchmal geht es sehr spät ins Bett. Aber am nächsten Tag ist das ein gutes Gefühl: alles geschafft zu haben.

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