Gemeinde räumt Kirche aus

Pastor von St. Nicolaus in Alsterdorf wagt Experiment: Gottesdienste ohne Altar und Kreuz

Die Küsterin der St.-Nicolaus-Kirche hat am Sonntag kaum etwas zu tun. Sie musste weder den Altar schmücken noch das Taufbecken mit frischem Wasser füllen. Beides gibt es in der Kirche nicht mehr. Auch brauchte sie sich nicht um die Tische im Gotteshaus zu kümmern, denn die stehen jetzt in einem Container, direkt am Portal der Backsteinkirche. Nur ein paar Stühle im Kirchenraum laden zum Verweilen ein.

Was zunächst nach Renovierung oder gar Kirchenschließung klingt, ist ein Kunstprojekt auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Die Initiatoren um Katharina Seiler von der Diakonischen Profilentwicklung starteten ein Experiment der besonderen Art: Sie räumten die Kirche kurzerhand komplett aus, inklusive Kreuz. Nur die Kanzel ließen sie stehen, weil sie fest in der Wand verankert ist. Auch die Orgel blieb an ihrem angestammten Platz. Der herbeigeführte Leerstand soll die Besucher zum Nachdenken anregen, neue Perspektiven eröffnen. Und provozieren.

Zum Glück ist Pastor Christian Möring da. Er trägt bei diesem Gottesdienst einen schwarzen Talar und eine bunte Stola darüber. Er nimmt die Besucher mit auf eine Gedankenreise. Er will erklären, warum das so ist, was die Leere bedeutet und auslösen kann. Gut 50 Zuhörer, die alle im Kreis sitzen, folgen seinen Worten. Zu ihnen gehören geistig und körperlich Behinderte aus der Evangelischen Stiftung genauso wie Gäste, die zum ersten Mal hier sind und erleben wollen, wie sich ein Gottesdienst in einer ausgeräumten Kirche anfühlt. Wo das Mobiliar komplett entfernt ist, entstehen ungewohnte Blicke. Keiner kann sich mehr auf der hinteren Reihe verstecken. „Mir sind die Menschen zu nahe“, kritisiert prompt eine Besucherin. Eine andere sagt: „Die leere Kirche finde ich sehr sympathisch. Ich bin gezwungen, die Stimmungen und Gesichter wahrzunehmen.“

Pastor Möring, Krankenhaus-Seelsorger in der Evangelischen Stiftung, erzählt seiner Gemeinde von der Erfahrungen des jüdischen Volkes vor 3000 Jahren. Sie empfanden auch eine große Leere, als sie über viele Jahre durch die Wüste zogen. Es geht bei dem Projekt auch um die wechselvolle Geschichte der Nicolaus-Kirche. Es geht um ein Wandbild aus der NS-Zeit mit dem „arischen Christus“ in der Mitte. Er wird von Jüngern umringt, die fast alle einen „Heiligenschein“ tragen. Nur drei nicht. Sie sind deutlich als Behinderte dargestellt. „Wir“, sagt Katharina Seiler, „sind seit einiger Zeit dabei, über zukünftige Wege der Nutzung unserer Kirche zu diskutieren.“

Bis zum Advent soll das Projekt dafür Anstöße liefern. Bei Bedarf kann ausgewähltes Interieur zeitweise im Kirchenschiff platziert werden. So kann ein Hochzeitspaar, das in der Nicolaus-Kirche heiraten will, selbst entscheiden, wie der Innenraum zu gestalten ist.