Strick-Guerilla von Groß Flottbek

Die Gruppe „Nadelstärke 3“ holt Idee aus Texas in die Waitzstraße und bestrickt Bäume und Bänke

Dafür muss eine alte Frau lange stricken, sagt der Volksmund. Jetzt jedoch waren viele jüngere Frauen monatelang mit Wolle, Garn und Nadeln am Werke. Sie hatten alle Hände voll zu tun, die Voraussetzung für eine Kreativaktion der ganz besonderen Art zu schaffen: 59 Bäume, zudem Bänke und Verteilerkästen wurden bunt bemustert. Das ist Straßenkunst vom Feinsten.

Für Aufsehen in der Einkaufsmeile mit ihren mehr als 100 Geschäften ist also gesorgt. „Was ist das?“, fragten Passanten interessiert, als die Strick- und Häkelware angebracht wurde. Was soll das bedeuten? Warum hängen in den Kugelakazien plötzlich Bommel, warum sind die Stämme farbenfroh verwandelt. Warum liegen bestickte Kissen auf den Bänken? Muntere Diskussionen begleiteten das ungewöhnliche Wirken an der Grenze zu Othmarschen.

Die Antwort, das genau ist der Sinn, hängt vom Blickwinkel des jeweiligen Betrachters ab. „Wir wollen zur Verschönerung der Waitze beitragen“, sagte Organisatorin Veronika Glaab-Post in einer Schaffenspause mit Cappuccino vor dem Café Newport, „die Leute zum Mitmachen und Nachdenken inspirieren“. Geschäftsleute aus der Nachbarschaft, Anwohner und Freunde unterstützten die sehenswerte Sache.

Was in Houston in Texas vor einem Jahrzehnt als Idee entstand, kommt zusehends weltweit in Mode. Je nach Geschmack werden die Initiativen Guerilla-Stricken, Yarn-Bombing oder Strick-Graffiti genannt. Die Ziele: Schönes zu schaffen, Diskussionen anzuregen, Fantasie sprießen zu lassen. Bunte Baumbehänge, Pompons an den Zweigen oder schrille Bankverkleidungen sorgten zuletzt in Australien, Lissabon, Madrid, aber auch in Berlin, Köln und Hamburg-Billstedt für Aufmerksamkeit. Längst hat sich ein Internationaler Aktionstag in vielen Großstädten etabliert, an dem es bunt rund geht.

Veronika Glaab-Post, May Evers und weitere Mitstreiterinnen – oder besser gesagt Mitstrickerinnen – legten bereits im März dieses Jahres los. Praktisch in jeder freien Minute, abends vor dem Fernseher, beim Klönschnack in der Kneipe oder im Urlaub griffen die fingerfertigen Damen zu Wollwaren in allen Farben des Regenbogens. Am allerliebsten mit Nadelstärke 3. Diesen Namen trägt auch die offene, im Netzwerk Facebook aktive Gruppe, deren Gründungsmütter die beiden sind.

Eine auf der Alster schwimmende Holzstatue wurde mit großer, pinkfarbener Strickkrawatte ausgestattet, die Pinguine am Stadtparkbrunnen erhielten ein ungewöhnliches Gewand. Brückengeländer, Sitze an Bushaltestellen und Geländer am Neuen Jungfernstieg wurden verschönt. Wenn die Menschen davor stehen und sich mit der Kunst beschäftigen, ist die Saat aufgegangen. Mutter aller Fragen: „Wer war das?“ Dass viele Teile eines Tages der Witterung zum Opfer fallen oder von tumben Zeitgenossen zerstört werden, gehört zum Geschäft, für das es keine Bezahlung gibt. Im Gegenteil. Andererseits hängt bisweilen unerwartet andere Handarbeit daneben. Hersteller unbekannt. Mit Glück kann sich eine kreative Kettenreaktion ergeben.

So wie beim „Tag des öffentlichen Strickens“ in der Waitzstraße in diesem Sommer. In vielen Hundert Stunden, auch später, schufen viele Hände farbenfrohes Wollwerk. Gut 70 Meter wurden gehäkelt und gestrickt, mindestens 50 Zentimeter breit. Nicht einfach so, sondern immer anders, in jedem Falle bunt – liebevoll bestückt mit kleinen, gleichfalls handgefertigten Fischen, Herzen, kleinen Kugeln.

Um all das zu befestigen, waren erneut viele Helferlein am Werke. Julia, Manja, Sarah, Charlotte und andere waren fleißig dabei. Jana stellte eine 44 Meter lange Schnur zur Verfügung, mit einer Strickliesel persönlich hergestellt. Sarah hing kopfüber in einem großen Baum, um die Kunstwerke zu befestigen. Auch der 15-jährige Schüler Benjamin legte als einziger Vertreter des in diesem Fall schwachen Geschlechts Hand an. Denn noch ist diese Art der Stadt-Guerilla Frauensache.

Das kann sich ändern. „Früher war Handarbeit ein Fall für Oma, die Socken für ihre Enkel häkelte“, weiß May Evers von „Nadelstärke 3“. „Heute liegt Selbstgestricktes im Trend.“ Immer öfter kommt ein künstlerischer, bisweilen politischer Hintergrund hinzu.