„Die Jungs vertrauen mir“

Kinder helfen Kindern: Arwin Mostauli tickte früher schnell aus. Heute lehrt er Jugendliche Fairness und Toleranz

Er fällt auf. Das war schon immer so. Damals, vor fünf Jahren, als er einer von den schwierigen Kindern war, die schlecht verlieren konnten. Die hitzköpfig und aggressiv wurden, wenn etwas nicht so lief, wie sie es sich vorstellten. Arwin Mostauli war damals so wie die Jungs, denen er heute hilft. Wenn es Konflikte gab, schraubte er sich manchmal hinein wie in eine Spirale. Ohne zu wissen, wann er aussteigen sollte. Damals schickte ihn sein Fußballtrainer zum Coolnesstraining vom Verein „Zweikampfverhalten“. Arwin sollte lernen, mit Konflikten umzugehen, ohne in Stress zu geraten. Er sollte ein respektvolles, faires Miteinander trainieren.

Und er lernte schnell. Weil er ein cleverer Kerl ist, ehrgeizig, interessiert. Einer, der nachfragt, zuhört und versteht. Der Dinge schnell begreift und dauerhaft anzuwenden weiß. Arwin ist heute 18Jahre alt. Er ist Trainer. Einer, der bei „Zweikampfverhalten“ Kindern und Jugendlichen Werte und Regeln vermittelt und ihren Bewegungsdrang kanalisiert. Der die Jungs an die Hand nimmt, sie Respekt, Fairness und Toleranz lehrt.

Seit zwei Jahren engagiert er sich ehrenamtlich als Trainer und Tutor bei „Zweikampfverhalten“, trifft sich einmal wöchentlich mit einer Gruppe von Jungs im Alter zwischen neun und 14Jahren. Erst zum Gespräch, dann zum gemeinsamen Training auf dem Fußballplatz. Die Ziele von „Zweikampfverhalten“, einem Träger der freien Jugendhilfe, sind Gewaltprävention und Kompetenzenerweiterung bei jungen Menschen. „Durch die Kombination von Teamsport, Coolness- und Kompetenztraining sollen die Kreisläufe aus Aggressivität und Frustration durchbrochen werden“, sagt Initiatorin Rebekka Henrich. Die Sozialpädagogin, Coolnesstrainerin und Kriminologin gründete 2008 den Verein. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem Kinder und Jugendliche lernen, besser mit Provokationen umzugehen. Einer ihrer ersten Schüler war Arwin.

Er ist damals 13Jahre alt. Seine Eltern sind 1997 von Afghanistan nach Deutschland geflohen. Da ist Arwin drei Jahre alt. Die Familie zieht nach Bramfeld, Arwin besucht das Gymnasium Grootmoor. „Ich war der einzige in meiner Klasse, der in einer Wohnung gewohnt hat“, erinnert er sich. „Alle anderen hatten Häuser mit Gärten.“ Aber als Außenseiter habe er sich nie gefühlt. Arwin hat viele Freunde. Er ist ein leidenschaftlicher Fußballer, spielt beim HSV Barmbek-Uhlenhorst, ist Mannschaftskapitän. Ehrgeizig, aber auf dem Platz nicht immer fair. „Manchmal wurde ich aggressiv, bin ausgetickt“, sagt er. Sein Trainer schickt ihn zu „Zweikampfverhalten“, weil er weiß, dass in dem Junge viel gutes Potenzial steckt, er aber lernen muss, sich in den Griff zu kriegen. „Er flippte damals schnell aus und geriet in Stress-Situationen“, erinnert sich Rebekka Henrich. „Arwin stand damals an einer Weggabelung.“ Er geht zu den Sitzungen, er hört zu und fragt nach. Er findet den richtigen Weg.

Rebekka Henrich beobachtet ihren Schützling. Sie ist fasziniert von Arwins kritischer Art, seiner Neugier und der Neigung, alles in Frage zu stellen. Sie findet es gut, dass er sich einmischt, wenn zwei sich streiten. Sie schreibt sich seine Telefonnummer auf. 2011 nimmt sie erneut Kontakt zu Arwin auf. Sie fragt ihn, ob er nicht Lust hätte, bei „Zweikampfverhalten“ mitzuarbeiten.

Arwin hat Freude daran, sich sozial zu engagieren

Arwin sagt sofort zu. Er hat Freude daran, sich sozial zu engagieren. „Es macht mir Spaß zu sehen, wie sich die Jungs hier entwickeln“, sagt er. Zweieinhalb Stunden pro Woche trainiert er mit den jungen Teilnehmern. Die Jungs akzeptieren ihn, nicht nur als Coach, sondern auch als einen von ihnen. Und Arwin versteht die Jungs, weil er selbst einmal so getickt hat wie sie. Genau das erzählt er dann an den Seminarwochenenden den Sozialpädagogen. Er spricht über Deeskalationsmethoden und die Erfolge auf dem Platz. Er kommt gut an. Weil er authentisch ist. Aus eigener Erfahrung berichten kann.

Warum er das alles in seiner Freizeit macht? „Weil es Spaß macht, Verantwortung zu übernehmen. Weil es mich voranbringt, auch mal die Seite eines Lehrenden kennenzulernen“, sagt er. „Die Jungs vertrauen mir. Das macht mich stolz.“ Ein gutes Gefühl sei das, mit jungen Menschen zu arbeiten.

Und dennoch will der Abiturient ab Herbst Betriebswirtschaftslehre oder Stadtplanung studieren. Etwas Bodenständiges eben. Wobei er sich noch nicht so ganz sicher ist. Weil er weiß, dass seine große Stärke im Menschlichen liegt. Weil er sagt, dass er „als extrem deutscher Afghane“ zwischen den Kulturen vermitteln könne. Und vorurteilsfrei durchs Leben gehe.

Und weil er eine ganz entscheidende Botschaft nicht nur gelernt hat, sondern auch lebt. Nämlich die: „Dass ein Gewinner keinen Verlierer braucht.“