Gift im Boden – und nichts passiert

Ehemalige Lackfabrik verfällt. Anwohner sorgen sich vor krebserregenden Substanzen im Erdreich

Jeden Morgen, wenn Charles Miller, 76, aus dem Fenster seines Hauses blickt, packt ihn die Wut. „Ich ärgere mich und bin verzweifelt“, sagt er – und zeigt auf die baufälligen Gebäude am Ufer der Wandse. Keine 100 Meter von seinem Grundstück entfernt bietet sich ihm und den anderen 20 Anwohnern das gleiche Bild: Die Häuser auf dem Gelände der stillgelegten Arostal Lackfabrik verfallen; auf einem Fenstersims in fünf Meter Höhe grünt sogar eine Birke.

Doch zum Glück wächst der mannshohe Baum nicht direkt auf dem kontaminierten Boden. Denn das Gelände am Altrahlstedter Kamp/Wandseredder wird bei den Behörden im Altlastenhinweiskataster als Altlast geführt. Wo die Firma Arostal Norddeutsche Lackfabrik einst Kunstharzlack, Zinnstaubfarben und Verdünnungen produzierte, lagern heute im Erdreich Schwermetalle und Benzol, das Krebserkrankungen auslösen kann. Das hatten Analysen bereits 2002 ergeben. „Wir sind in großer Sorge“, sagen die Anwohner, die hier fast alle den Nachnamen Miller tragen, weil sie miteinander verwandt sind und schon lange hier leben. Einige, betont Ralph Miller, der die Interessengemeinschaft Arostal leitet, seien bereits an Krebs gestorben. „Ob es einen Zusammenhang mit der Fabrik gibt, wissen wir allerdings nicht.“ Weil in der alten Lackfabrik, die von 1900 bis 2004 in Betrieb war, auch Leuchtfarben hergestellt wurden, gibt es auch noch eine weitere Sorge. „Das ist deshalb beunruhigend, weil Leuchtfarben damals radioaktive Substanzen erhielten“, sagt der Rahlstedter SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ole Thorben Buschhüter, der sich seit Jahren für die Sanierung engagiert.

Seit der Schließung im Jahr 2005 passiert nichts auf dem rund 10.000 Quadratmeter großen Firmengrundstück am idyllischen Wandse-Ufer. „Dabei hatten Bodenuntersuchungen ergeben, dass das ehemalige Betriebsgelände unter anderem mit aromatischen und Mineralöl-Wasserstoffen belastet ist“, sagt Buschhüter. Was ihn und die Bürger besonders in Rage bringt, ist der Dauerzustand: Es passiert einfach nichts. Obwohl endlich ein Bauvorentscheid der Stadt vorliegt, die grundlegende Sanierung des Bodens und der Bau von drei Einzelhäusern mit fünf Wohnungen beginnen könnte, stagniert das Projekt. „Die Eigentümergemeinschaft im Rheinland lässt sich sehr viel Zeit“, kritisiert Buschhüter. Erst jetzt, mehr als ein Jahr nach Erteilung des Bauvorentscheids, hätten die Eigentümer die Entnahme weiterer Bodenproben veranlasst. Eine Sprecherin der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt sagte auf Abendblatt-Anfrage: „Auch die Randflächen des Geländes sind kontaminiert.“

In einer Stellungnahme zum Bauvorentscheid hatte die Hansestadt eine grundlegende Sanierung des Grundstücks gefordert. Das ist die entscheidende Bedingung für den Neubaukomplex und weitere Baumaßnahmen, zu denen unter anderem die Erneuerung der Brücke Wandseredder gehört. Sie weist seit Langem deutliche Schäden auf. Aber ein öffentlich-rechtlicher Vertrag mit den Eigentümern sei noch nicht geschlossen worden, heißt es im Senat. „Und es gibt auch keine Bitte der Grundeigentümerin, hierüber in Verhandlungen zu treten.“

Dass die Umweltbehörde wegen der Verseuchung des Geländes bislang nicht stärker aktiv geworden ist, führt Ralph Miller von der IG Arostal auf deren Einschätzung zurück, dass durch die vorhandene Bebauung keine Gefährdung für die Gesundheit ausgehe. Zwar wurden nach Behördenangaben bei einer Messung im Jahr 2012 erhöhte Werte des Stauwassers im Schadenszentrum und am Ufer der Wandse festgestellt, nicht aber im Fluss selbst. Den Anwohnern genügt das nicht. „Schließlich weiß man nicht, welche Schadstoffe ins Grundwasser gelangt sind“, sagt Charles Miller. Wegen dieser Belastungen will keiner der Anwohner mehr Gemüse im eigenen Garten anbauen. Das machen sie schon lange nicht mehr.

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