Radfahrer erobern den Elbtunnel

Das alte Bauwerk lockt viele Touristen an: Nutzerzahlen steigen, der Autoverkehr nimmt ab

Ein Bild, das gerade jetzt im Sommer oft zu sehen ist: Dicht stehen Räder und Passagiere im Personenfahrstuhl des Alten Elbtunnels, mancher Radler schiebt sein Gefährt sogar hochkant hinein, damit es noch passt. Unten dann erinnert die Elbquerung an eine gut besuchte Fußgängerzone. Und das nicht nur, weil die Oströhre noch immer gesperrt ist. Diese gefühlte Zunahme der Tunnelnutzer wird jetzt von der Hafenverwaltung Hamburg Port Authority (HPA) mit der aktuellen Bilanz bestätigt.

Die Zahl der Radfahrer und Fußgänger im Tunnel steigt demnach seit etwa zwei Jahren stark an, die Zahl der durchfahrenden Pkw sinkt hingegen. Vor fünf Jahren rollten noch 356.000 Autos durch den Tunnel, 2012 waren es lediglich 130.000. Während aber in den Vorjahren um 700.000 Fußgänger und Radfahrer pro Jahr registriert wurden, stieg diese Zahl Ende vergangenen Jahres auf fast 900.000. „Und dieses Jahr wird es noch mehr“, sagt Betriebsleiter Thomas Kohn, der aufgrund der Halbjahresbilanz mit mehr als einer Millionen „Kunden“ rechnet, die per Rad oder zu Fuß die Elbe zwischen St.Pauli und Steinwerder unterqueren. Also gut 300.000 Menschen mehr als noch vor einigen Jahren. In konkreten Zahlen wurden im ersten Halbjahr 427.000 Fußgänger, 73.000 Radfahrer und 55.000 Pkw gezählt. In sechs Monaten radelten danach gut 10.000 Fahrradfahrer mehr durch den Tunnel als noch 2008 im ganzen Jahr.

Der HPA-Tunnelfachmann führt diese Veränderung vor allem auf den Bau eines neuen, breiten Radwegs auf der Steinwerder Seite zurück, der seit zwei Jahren ein wichtiger Abschnitt der neuen Radwegverbindung zwischen Innenstadt und Wilhelmsburg ist. Weiterer Grund sei zudem die Beliebtheit von Landungsbrücken und Hafen bei Touristen. „Sogar auf Steinwerder halten jetzt schon Rundfahrtbusse“, sagt Betriebsleiter Kohn, der seinen Tunnel „als Teil einer Stadtentwicklung“ sieht, die die Hafenkante für Besucher erschließt. Der Alte Elbtunnel sei für viele Nutzer daher nicht mehr nur ein reiner Verkehrsweg, wofür er vor mehr als 100 Jahren gebaut wurde, sondern ist auch eine Art funktionstüchtiges Museum. Ein Ort, den man besichtigt und nicht nur nutzt. Aus gutem Grund: Das 1911 revolutionäre Konzept mit den Schachtbauten und alten Lastenaufzügen gilt heute als weltweit einmaliges Bauwerk seiner Art.

Die Hamburg Port Authority will nun auf das geänderte Nutzungsverhalten mit einer Änderung der Betriebsführung reagieren, wie HPA-Sprecher Alexander Schwertner sagt. So sollen beispielsweise die Schichtzeiten der 23Tunnelaufseher angepasst werden. Schon jetzt würden die Männer und Frauen mit den weißen Mützen auch Radfahrer in den großen Pkw-Aufzügen mitfahren lassen, wenn die Personenaufzüge voll ausgelastet sind. Zudem gibt es Pläne, die schweren Lastenaufzüge auch an Wochenenden einzusetzen. Dann dürfen zwar keine Pkw den Tunnel nutzen, aber gerade viele Radfahrer und Touristen werden an diesen Tagen gezählt. Schon jetzt werden die großen und ebenfalls mehr als 100 Jahre alten Aufzüge bei Veranstaltungen rund um den Hafen auch an Wochenenden in Betrieb gesetzt.

Eine Sperrung für den Autoverkehr ist derzeit allerdings noch nicht geplant, sagt der HPA-Sprecher: „Sollte es aber eines Tages keinen Bedarf dafür mehr geben, ist natürlich auch das eine Option, über die nachgedacht wird.“

Wie der historische Tunnel letztlich dauerhaft genutzt wird, dürfte sich ohnehin erst etwa 2018 ergeben. Noch läuft für den Alten Elbtunnel ein umfangreiches Sanierungsprogramm, bei dem die beiden 426,50 Meter langen Röhren renoviert werden. Erst Anfang des Jahres wurde bekannt, dass die Arbeiten deutlich aufwendiger und vor allem teurer werden als ursprünglich geplant. Schwertner: „Die gute Nachricht war allerdings, dass der Tunnel noch so gut ist, dass er als Verkehrsweg erhalten werden kann.“

Mit immerhin 30 Millionen Euro Kosten pro Röhre kalkuliert die HPA derzeit. Die Oströhre ist bereits seit 2010 gesperrt, voraussichtlich 2016 werden dort die Arbeiten abgeschlossen sein und die Sanierung der Weströhre starten. Während des Ein-Röhrenbetriebs gilt im Alten Elbtunnel für Pkw weiter eine Einbahnstraßenregelung in der Woche: Morgens in Richtung Hafen, nachmittags und abends zurück. Radfahrer können dann nur in der jeweiligen Einbahnstraßenrichtung radeln – oder müssen schieben.

Für Fußgänger und Radfahrer soll die Nutzung weiter kostenfrei bleiben. Autofahrer zahlen zwei Euro pro Fahrt. Die kostenlose Nutzung gilt bereits seit Eröffnung des Tunnels vor 102 Jahren. Damals nutzten vor allem Hafenarbeiter den kurzen Weg unter der Elbe.

Erst 2018 werden die Sanierungsarbeiten im Alten Elbtunnel abgeschlossen sein. Jede Röhre kostet 30 Millionen Euro.