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Matthias Schmoock

Vor 225 Jahren wurden Straßennamen amtlich. Bis dahin herrschte in der Stadt Wirrwarr

Wer um 1780 in Hamburg ein Haus suchte, brauchte starke Nerven. Die Bevölkerungszahl war in der engen Stadt, die sich schon seit mehr als 50 Jahren unverändert auf genau 248,6 Hektar ausdehnte, stark gestiegen und hatte fast 100.000 erreicht. Als Folge war ein unübersichtliches Knäuel an Straßen, Gassen und Durchgängen entstanden, die sich zwischen den oft völlig unkoordiniert gebauten Häusern hindurchschlängelten.

Heute hat Hamburg 8100 Straßen mit einer Gesamtlänge von 4000 Kilometern. Die Straßen und Sträßchen seinerzeit hatten noch keine festgelegten, einheitlichen Namen. Viele damals gebräuchliche Bezeichnungen, zum Beispiel Alstertor, Alter Wall, Bei den Mühren, Neuer Wall oder Deichstraße, gingen auf Ortsangaben zurück. Andere, heute längst verschwundene Namen basierten auf den Berufen der Anwohner, darunter Fischer-, Bäcker, Schmiede- und Knochenhauerstraße. Sie alle hatten sich längst etabliert, wurden auch im Schriftverkehr benutzt, waren aber nicht offiziell vergeben, geschweige denn irgendwo angeschrieben.

Die Menschen mussten sich anhand von vagen Wegbeschreibungen zurechtfinden und sich auf ihr Gedächtnis oder den Orientierungssinn verlassen. Schlimmer noch: Die Hamburger benutzten, wenn sie eine Adresse nannten, oft unterschiedliche Namen, und es kam nicht selten vor, dass ein- und dieselbe Straße am einen Ende ganz anders hieß als am anderen. Eine Änderung dieser Zustände brachte erst die Gründung der Allgemeinen Armenanstalt im Jahr 1788, mit der das Hamburger Armenwesen reformiert wurde. Nach dem Prinzip bürgerlicher Mitverantwortung wollte man Arme fortan gezielt aufsuchen: Arbeitsunfähige sollten versorgt, Wöchnerinnen unterstützt und Kranke von Armenärzten betreut werden. Um die Bedürftigen überhaupt finden zu können, musste das Stadtgebiet viel systematischer als bisher erschlossen werden. Man unterteilte Hamburg im Zuge des Rat- und Bürgerbeschlusses vom 3.Juli 1788 in fünf Bezirke (1801 kam noch St. Georg hinzu) mit je zwölf Armenpflegequartieren. Die jeweiligen Straßennamen wurden mit Blechschildern nun endlich „amtlich“ an den Straßenecken fixiert. Zusätzlich erhielten die Häuser verschiedenfarbige Markierungen, wobei jede Farbe für die zuständige Einheit der Bürgerwehr stand. Ergänzt wurde auch noch der Anfangsbuchstabe des jeweiligen Kirchspiels. Das war nicht unkompliziert, aber man fand sich im Stadtgewirr nun besser zurecht als früher. Eine durchgehende Nummerierung kam erst 1833/34 hinzu – und zwar beginnend auf einer Seite der Straße bis zum Ende und dann zurücklaufend bis zum Anfang.

Die nun existierenden Anschriften wurden samt Hausnummer im Hamburgischen Adressbuch aufgeführt – inklusive der Namen und Berufe der Bewohner. Diese Bücher erschienen bis 1966 und sind heute wertvolle Quellen der Sozialgeschichte. Von 1909 gab es dann auch das Straßen- und Gebietsverzeichnis des Statistischen Landesamtes. Im Laufe der Jahrhunderte sind Hamburgs Straßen immer wieder neu benannt oder umgetauft worden. Starke Veränderungen brachte das Groß-Hamburg-Gesetz mit seinen großflächigen Eingemeindungen sowie Kriegszerstörung und Wiederaufbau.

Grundlage bei der Benennung von Straßen, Plätzen und Wegen ist heute das Hamburgische Wegegesetz. Die öffentlichen Wege werden von einer Senatskommission benannt, die oft auf Vorschläge aus den Bezirken zurückgreift. Jeder kann per Eingabe einen solchen Vorschlag machen. Nach Personen ist inzwischen nur noch ein Viertel der neuen Hamburger Straßen benannt. Die Vorgeschlagenen müssen mindestens zwei Jahre tot sein, so will es das Gesetz. Eine Ausnahme war die Benennung des Heidi-Kabel-Platzes (St. Georg ) im September 2011 – schon bevor diese Frist abgelaufen war.