Flugkopfbälle in Eppendorf

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Andreas Hardt

Uwe Seeler erinnert sich an die großen Straßenfußballduelle in den harten Nachkriegsjahren

Uwe Seeler kehrt mit dem Auto zurück. Zweite Reihe. Schulterzucken, nützt ja nichts. Keine Parkplätze. Dieser Bereich Eppendorfs ist wahrscheinlich eine der am dichtesten zugeparkten Gegenden in ganz Hamburg. Frickestraße, Ecke Winzeldorfer Weg. „Unvorstellbar ist das“, sagte er nach dem Aussteigen, „und hier haben wir früher auf der Straße gebufft.“

Uwe hat sofort zugesagt für den Weg zurück in seine Kindheit in einer schweren Zeit. Es gab Fliegeralarme, Lebensmittelkarten, den Eiswinter 1946, Not. Der Fußball aber wog vieles auf, vor allem nach dem Krieg, als Uwe acht, neun, zehn war. Der Lütte durfte immer mitspielen. Dafür sorgte schon der fünf Jahre ältere Bruder Dieter. Auf Kopfsteinpflaster ging es hin und her, „ich habe mich da auch hingeschmissen“. Und erste Fallrückzieher geübt. „Ich habe auch Flugkopfbälle gemacht, auf dem Pflaster. Mein Rücken war abends grün und blau“, erzählt er: „Meine Mutter hat sich immer gewundert, aber mir hat das komischerweise nichts ausgemacht.“

Die Tore waren auf der Straße, Taschen, Büdel, Steine. „Wir hatten nur eine Brandbombe, das Feuer wurde aber schnell gelöscht“, sagt Uwe Seeler, „wir hatten Glück.“ Die Fliegeralarme waren trotzdem prägend. Die Kinder waren draußen, Mutter Anny verging vor Sorge. „Ich bin erst ins nächste Treppenhaus gerannt, wenn es ganz laut heulte.“ Von Haustür zu Haustür ist der kleine Uwe gewetzt – „vielleicht war ich deshalb so schnell“ – und erst im letzten Moment nach Hause: „Da gab es dann einen schönen Arschvoll von meiner Mutter.“ Schnelsener Weg 16, dritter Stock. Da war die Wohnung, in der Familie Seeler mit drei Kindern in drei Zimmern wohnte. Seit 1948 heißt die Straße Winzeldorfer Weg, das Eckhaus, wie das ganze Viertel errichtet in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Wohnraum für Arbeiter und Kleinbürger wurde hier geschaffen. Mit dem reichen Eppendorf jenseits der Tarpenbekstraße hatte das nichts zu tun. „Vadder“ Erwin war Stauerviz im Hafen und ein klasse Kicker. 1932 war die Familie aus Rothenburgsort nach Eppendorf umgezogen, als Erwin Seeler vom Arbeiterverein Lorbeer Rothenburgsort zum bürgerlichen SC Victoria wechselte. 1938 schloss sich „Old Erwin“ dann dem HSV an.

Einmal im Jahr, zur Weihnachtszeit, trifft sich Uwe Seeler noch mit den alten Kameraden aus der Schule in der Martinistraße. „Leider werden es immer weniger.“ Aber die Lehrerin, Frau Holzhauer, die lebt noch. 88 Jahre alt – und unvergessen. „Wir haben sie alle geliebt. Sie war streng, aber sie hat uns alles beigebracht“, sagt Seeler.

„Ein großes Problem waren die Schuhe. Ich habe gegen alles getreten, Dosen, und diese Ostereier, die wir als Bälle genommen haben. An denen haben wir selbst mit der Ahle herumgeflickt“, sagt Uwe. Aber die Schuhe gingen immer kaputt, „weil ich so viel Kraft hatte“. Und die Scheiben der anliegenden Häuser, die zersprangen. „Das war nicht immer ich, aber oft“, lacht er. Glücklicherweise kannte „Vadder“ den Glaser aus dem Erdgeschoss sehr gut.

Reichlich Jungs muss es damals zwischen Frickestraße und Tarpenbekstraße gegeben haben. Da wurden geradezu „Straßenschlachten“ abgehalten. Schnelsener Weg gegen Kegelhofstraße, gegen Im Tale. Manchmal sind sie auch in Hayns Park, für die „großen Spiele“. Da war Rasen. „Wir hatten immer drei, vier Mann als Stamm, dann kamen andere dazu“, erzählt er, „sogar Jochen Meinke kam ab und an vorbei, obwohl der woanders wohnte.“ Mit dem sechs Jahre älteren Meinke hat Seeler später in der Oberliga beim HSV gespielt, Meinke war der Kapitän der HSV-Meistermannschaft von 1960.

Am 1. April 1946 schon meldete Erwin Seeler seinen Filius beim HSV an, damit der sich auch geregelt auf dem Fußballplatz austoben konnte. Trainer Günther Mahlmann nahm sich der Jungs an. „Als es mit dem HSV losging, hat mein Vater mir nie etwas gesagt oder gezeigt. Nur einmal habe ich ein Training geschwänzt, weil meine Straßenmannschaft mir gesagt hat, du kannst nicht weg, sonst können wir die anderen nicht schlagen“, erinnert sich Seeler. „Mein Vater kam dann und sagte, schöne Grüße von Günther Mahlmann: Wenn du meinst, du müsstest nicht zum Training kommen, dann brauchst du auch nicht zu den Spielen kommen. Das hat gesessen.“

Der Weg war von da an praktisch geebnet. HSV, Jugend, Oberliga, Nationalmannschaft, Bundesliga. 1952 zog die Familie in die Bismarckstraße um. Der Superstar Seeler bezog 1959 mit Ehefrau Ilka sein Haus in Norderstedt beim HSV-Gelände. Inzwischen hat Uwe Seeler die ganze Welt gesehen durch den Fußball, der für ihn auf den engen Straßen von Eppendorf begann.

Ein großes Problem waren die Schuhe. Meine Schuhe gingen immer kaputt, weil ich so viel Kraft hatte.