Große Freiheit im Kleingarten

Viele Hamburger lieben es grün – wie Familie Hinz/Krumme, die Irene Jung in ihrer Parzelle besucht hat

Über der Kolonie202 am Othmarscher Mühlenweg erhebt sich gerade das abendliche Vogelkonzert. Familie Hinz/Krumme sitzt am Gartentisch bei Gemüse und selbst gemachten Dips. Vor der roten Laube beginnt der Baldrian zu duften. Ganz weit weg scheint die Stadt, obwohl man über dem Haselbusch noch das Altonaer Krankenhaus erkennen kann. Vor der Pforte stehen die Fahrräder. Zu Fuß und mit dem Rad ist der Garten von der Etagenwohnung in Altona schnell erreichbar. „Läge er weit entfernt, würde er sofort an Attraktivität verlieren“, meint Olaf Hinz. „Dann könnte man nur am Wochenende hier sein und müsste so viel arbeiten, dass man sich gar nicht erholen kann.“

Zwei Jahre lang haben sie auf eine Parzelle im Kleingartenverein 202 des Heimgartenbundes Altona gewartet, erzählt Olaf Hinz, und den Garten dann bekommen, „als unsere Lilith gerade geboren war“. Heute ist Lilith zehn, und Olaf Hinz und seine Frau Martina Krumme gehören in der Kolonie fast schon zu den alten Hasen.

Kolonie ist aber nicht gleich Kolonie. Manchen haften Spießigkeit und soziale Kontrolle doch noch ein bisschen an. Aber das Gemeinschaftsleben im Verein müssen heutige Individualisten oft erst lernen. Olaf Hinz findet die Kolonie am Othmarscher Mühlenweg entspannt: „Man kommt unkompliziert ins Gespräch.“ Überhaupt, vieles ist anders geworden: Früher hatten Frauen im Vereinsleben wenig zu melden. Heute sind die Obleute in der Kolonie Obfrauen, sagt Martina Krumme. Sie sorgen fürs soziale und gärtnerische Feingewebe. „Neue Pächter haben oft nicht viel Ahnung. Dann wird ihnen geholfen, beim richtigen Obstbaumschnitt oder beim Gemüseanbau.“ Im Garten gibt es immer etwas zu probieren – Pflaumen, eine alte Kirschsorte, schwarze, rote und weiße Johannisbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, hinterm Schuppen Brombeeren und überall auf den Beeten Erdbeeren.

Martina Krumme engagiert sich in der Bürgerinitiative „Apfelbaum braucht Wurzelraum“, die für den Erhalt alter Gärten und für mehr stadtnahes Grün kämpft. Sie ist Schiffsbuchhalterin in einer Reederei, ihr Mann Prokurist in einem Softwareunternehmen. Zum Büroalltag, finden beide, gibt es kein besseres Kontrastprogramm als den Garten. „Weil ich hier etwas gestalten kann, anstatt einfach nur irgendwohin zu fahren“, sagt Olaf Hinz.