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Blendschutz und Schmuckstück: Sonnenbrillen sind so praktisch und machen auch aus weniger mehr

Sylvie van der Vaart? Wie (fast) alle Spielerfrauen so gut wie niemals ohne. Udo Lindenberg? Ganz sicher niemals ohne. Heino natürlich auch nicht. Und wäre „Casablanca“ 70 Jahre später gedreht worden, wäre der vermutlich berühmteste Satz der Filmgeschichte („Schau mir in die Augen Kleines“) wohl lediglich die Bitte Ricks alias Humphrey Bogart an Ilsa alias Ingrid Bergmann gewesen, die Sonnenbrille abzunehmen.

Denn die einstige, lediglich sinnvolle Erfindung führt schon lange ein erfolgreiches Doppelleben; als nützlicher Blendschutz bei grellem Sonnenlicht in den Bergen oder am Meer einerseits, als unverzichtbares Modeaccessoire andererseits. Geschichtlich erwähnenswert ist, dass der römische Kaiser Nero die Gladiatorenkämpfe in der italienischen Mittagssonne angeblich durch grüne Smaragde hindurch verfolgte; dass die Inuit bereits Sehschlitze in Robbenrippen frästen, und dass im späteren Mittelalter so manche Einzelanfertigung aus gefärbten Brillengläsern auf dem Schlachtfelde liegen blieb. Viel genützt haben diese Vorläufer der modernen Sonnenbrillen ihren Trägern wohl nicht. Das änderte sich erst, als um das Jahr 1905 herum die Optiker Carl Zeiss und Josef Rodenstock erfolgreich mit Brillengläsern experimentierten, die die als besonders aggressiv geltende UVB-Strahlung absorbierte.

Jetzt hatten die Soldaten, vor allem die Kampfflieger mehr Übersicht, und die siegreichen amerikanischen Piloten waren es schließlich auch, die am Ende des Zweiten Weltkriegs der Sonnenbrille – durch das Modell Aviator von Ray Ban, gerne mit verspiegelten Gläsern – zum internationalen, modischen Durchbruch verhalfen. Dass weltweit leider auch die meisten Diktatoren nebst Gattinnen in der Öffentlichkeit auf modische Sonnenbrillen bald nicht mehr verzichten mochten, ist bekannt.

Zum Glück gingen jedoch Sonnenbrillenproduzenten und Filmgesellschaften eine Symbiose ein, die bis heute prima funktioniert: James Dean, Audrey Hepburn und die „Blues Brothers“ Dan Akroyd und James Belushi („Es sind 106 Meilen bis Chicago, wir haben genug Benzin im Tank, ein halbes Päckchen Zigaretten, es ist dunkel und wir tragen Sonnenbrillen“) haben zum Beispiel ebenso zur Beliebtheit des Modells Wayfarer (Ray Ban) beigetragen, wie Steve McQueen in „Bullitt“ zum Kassenschlager Carrera oder Marcello Mastroianni in „Scheidung auf Italienisch“ zum Erfolg der italienischen Marke Persol, die einst eigens für die Turiner Straßenbahnfahrer entwickelt worden war.

Doch hinter den dunklen Gläsern steckt meist das Bedürfnis nach einer praktikablen Ego-Stütze. Harte Agenten, Privatdetektive, Türsteher und Bodyguards tragen Sonnenbrillen und die Diven, Stars sowie zahllose Popmusiker natürlich auch. Sonnenbrillen verleihen Stärke, Coolness und nur in wirklich hoffnungslosen Fällen kein besseres Aussehen. Sie sind das ideale Verkleidungsstück, denn wenn man den Blick seines Gegenüber nicht richtig fassen könne, irritiere das den Gesprächspartner für gewöhnlich sehr, stellte der Psychologe und Mimikforscher Markus Studtmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung schon im Jahre 2009 in einer Untersuchung fest: „Jeder Mensch zeigt seine Gefühle über die Mimik in seinem Gesicht, ob er will oder nicht. Wenn wir Freude, Angst oder Trauer empfinden, sorgen diese Gefühle für das Dauerfeuer von Neuronengruppen, die wiederum die Kontraktion bestimmter Muskelgruppen auslösen, die unsere Gesichtsausdrücke, die Mimik steuern.“ Manche Menschen können allerdings ihre Emotionen im Gesicht gut verbergen, häufig seien Ausdrücke aber auch nur gespielt, um die wahren Gefühle zu verbergen. „Doch die lassen sich an verräterischen Zeichen wie den Lachfältchen um die Augen beim echten Lächeln erkennen“, lautet die Zusammenfassung der Studie.

Das erklärt auch den ungebrochenen Erfolg der großformatigen Modelle. „An den 60er- und 80er-Jahren kommt eigentlich niemand vorbei“, sagt der Hamburger Optiker Marc Oliver Peters, der gemeinsam mit seinem Bruder Hauke am Schulterblatt den Laden Six Million Glasses betreibt. Im Angebot haben sie eine streng selektierte Auswahl an Modellen reiner Brillenhersteller wie unter anderem Mosley Tribes, Garrett Leight, Paul Smith sowie Reiz (und selbstverständlich Persol und Ray Ban). Ab etwa 150 Euro beginnt der Spaß, wenn eine Sonnenbrille nicht nur modische Ansprüche erfüllen soll. Dazu gehört auf jeden Fall ein „hundertprozentiger UV-Schutz“, rät Peters. Trend für diesen Sommer: „Die Formen bleiben nach wie vor groß, aber die neuen Modelle sind dünnrandiger.“ Für Gewohnheits-Sonnenbrillen-Verlierer gibt es günstige Modelle in Drogerien oder Kaufhäusern.

Doch egal ob günstig oder teuer: Die Brille sollte breit genug sein, sodass die Proportion mit den Wangenknochen stimmig ist. Faustregel: Besser zu groß als zu klein. Dann lässt sich auch das Bonmot des amerikanischen Schauspielers Jack Nicholson auf x-beliebige Durchschnittsmänner übertragen: „Wenn ich meine Sonnenbrille trage, bin ich Jack Nicholson. Ohne sie einfach nur ein fetter 70-Jähriger.“