Wenn die Finger streiken

Der Pianist Alexander Raytchev aus Eppendorf besiegte eine schwere Krankheit mit starkem Willen und der Liebe zur Musik

Seit seiner Kindheit ist Alexander Raytchev leidenschaftlicher Musiker. Als Fünfjähriger begann der aus einer Künstlerfamilie stammende Bulgare mit dem Klavierspielen, als Sechsjähriger komponierte er auf einer Spielzeugflöte sein erstes eigenes Stück. Heute lebt der 37-Jährige in Eppendorf und gehört zu den erfolgreichsten Pianisten des Landes. Doch der Weg dorthin war steinig.

Im Alter von 32Jahren erkrankte Raytchev an fokaler Dystonie, im Volksmund bekannt als „Musikerkrampf“. Die neurologische Krankheit verhindert, dass erlernte Bewegungen – wie eine Anschlagbewegung am Klavier – ausgeführt werden können, obwohl die Bewegung in einer anderen Situation störungsfrei funktioniert. „Den Gedanken, nie wieder spielen zu können, konnte ich nicht ertragen.“

Für den noch jungen Pianisten schien alles hervorragend zu laufen, doch im Innern spürt Raytchev, dass etwas nicht in Ordnung war. „Es hat sich ganz langsam eingeschlichen“, erzählt der Musiker. Zunächst seien es technische Passagen gewesen, die nicht richtig geklappt hätten, doch dann habe es einen Auftritt gegeben, „bei dem einfach alles in die Hose gegangen ist“. Sein rechter Mittelfinger habe komplett gestreikt, erzählt Raytchev. „Ich dachte, es wäre der Stress“, sagt er dann. Einen Monat lang habe er sich ausgeruht, alle Konzerte abgesagt, doch es wurde nicht besser. Ein Arztbesuch in Hannover brachte schließlich Klarheit. „Ich hatte vorher noch nie etwas von dieser Krankheit gehört“, so Raytchev. Das Wort „unheilbar“ habe der Professor damals zwar nicht in den Mund genommen, dafür sagte er: „In äußerst seltenen Fällen kann man die fokale Dystonie besiegen, meistens aber nicht.“

Viele seiner Konzerte sagte er ab, und falls er doch spielte, änderte er die Auswahl der Stücke. „Ich durfte nur Leichtes und Langsames spielen“, so Raytchev. Fünf Jahre lang hat es gedauert, bis Raytchev die Sicherheit verspürte, wieder alles spielen zu können. „Vielleicht wäre es schneller gegangen, wenn ich mich zu 100Prozent auf meine Heilung konzentriert hätte, aber das konnte ich mir nicht leisten“, sagt er. Doch am Ende ist das auch nur ein kleiner Wermutstropfen, denn Alexander Ray-tchev gehört zu den 18Prozent der Patienten, die es geschafft haben, die fokale Dystonie zu besiegen. Seit zwei Jahren ist Raytchev, der vor sieben Jahren in die Hansestadt zog und wenig später in Eppendorf eine Klavierschule eröffnete, nun schon symptomfrei.