"Weißes Haus" vor dem Abriss

Villa des 2010 gestorbenen Unternehmers Claus Großner weicht demnächst einem Neubau

Eines der markantesten Gebäude am Elbufer verschwindet aus dem Stadtbild. Die Villa des 2010 gestorbenen Unternehmers Claus Großner, bekannt als "Weißes Haus" von Nienstedten, wird 100 Jahre nach dem Erstbezug abgerissen.

Mit dem Erlös aus dem Verkauf des 4374 Quadratmeter großen Grundstücks an der Elbchaussee 359 - schätzungsweise knapp sechs Millionen Euro - will die Großner-Stiftung Gläubiger des bekannten Investmentbankers bedienen und die Zukunft des Dehmel-Hauses in Blankenese sichern. Die Villa des Literaten Richard Dehmel an der nach ihm benannten Straße, ebenfalls aus Großners Vermächtnis, steht seit fast zwei Jahren leer.

"Die Abbruchgenehmigung für die Großner-Villa ist erteilt", bestätigte das Bezirksamt Altona. Das 1913 errichtete, äußerlich prachtvolle Haus war nach Großners Beerdigung angeboten worden. Der Käufer, ein bekannter Hamburger Unternehmer, möchte nicht genannt werden. Anstelle des Altbaus soll eine Villa entstehen, die der neue Eigentümer mit seiner Ehefrau bewohnen will. Damit haben sich Befürchtungen der Nachbarn erledigt, die Angst vor einem großen Gebäude mit mehreren Eigentumswohnungen hatten.

Rechtsanwalt Klaus Landry, Seniorpartner der Kanzlei Graf von Westphalen in der Alten Post nahe dem Rathaus, zog hinter den Kulissen die Fäden des Immobiliengeschäfts - in seiner Eigenschaft als Gründer und Vorstandsvorsitzender der Großner-Stiftung. Vor dem jetzigen Verkauf war das rund 100 Jahre alte Bauwerk dreimal zwangsversteigert worden - zweimal davon im Jahr 1977.

Der damalige Besitzer Peter Linnert, auch "Dr. Hokuspokus" genannt, war mit seinem Versandhaus Möbel Becker in Konkurs gegangen. Er wurde in Haft genommen, als er versucht haben soll, fast 10.000 gefälschte Aktien loszuschlagen. Der Werftbesitzer Johann Jacob Sietas ersteigerte das Haus 1977 für seine Tochter Ursula Plaaß und deponierte während der Auktion im Blankeneser Amtsgericht zehn Prozent des Kaufpreises in bar - 84.000 Mark. Rechtspfleger Paul Scheuch, so ist notiert, nahm die Geldbündel in einem Papierkorb in Sicherheit.

Noch im selben Jahr wechselte das herrschaftliche Haus wieder den Eigentümer. Käuferin waren zu einem Drittel die Hamburgerin Christiane Wessel und zu zwei Dritteln Claus Großner. Letztlich erwarb er das Anwesen komplett, um dort zu wohnen und Vorträge sowie Diskussionen zu veranstalten. Der 1941 in Königsberg geborene Exzentriker, ein Hüne mit zerzaustem Haar und angeblich sagenhaftem Besitz, hatte Theologie, Jura, Volkswirtschaft und Philosophie studiert und beherrschte dem Vernehmen nach neun Sprachen. Gemeinsam mit Hans Barlach stieg er beim Suhrkamp Verlag ein; andere Investments waren weit ertragreicher. Zu Großners Geheimnissen zählt, dass er trotz großen Bekanntenkreises keine richtigen Freunde hatte.

Als offizieller Absender seiner Einladungen fungierte sein "Großforschungs- und Informationsbureau" mit Sitz an der Elbchaussee 359. Prominente zuhauf besuchten die Veranstaltungen zu Themen wie Kultur, Philosophie, Politik, Europa. Regisseur Christoph Schlingensief kam ebenso zu ihm wie der Versandhaus-Unternehmer Michael Otto oder die Publizistin Marion Gräfin Dönhoff.

Als Großner im Alter von 69 Jahren verstarb, hatte er in seinem Testament eine neu zu gründende Stiftung zur Alleinerbin erklärt. Klar ist, dass durch den Kauferlös der Villa von angeblich fast sechs Millionen Euro gut zwei Millionen Euro übrig bleiben. Nachlasspfleger Landry handelte ein Moratorium aus, dem das Finanzamt und weitere Gläubiger zustimmten.

Die Suche nach einem Käufer habe sich wegen des maroden Zustands des Gebäudes von 1913 als Problem erwiesen. Das nach wie vor nicht flutgeschützte Haus am Elbufer sei nicht zu retten gewesen. So wurde Großners weißes Haus inklusive behördlicher Abrissgenehmigung verkauft.

Nach dem Willen der Stiftung soll das Geld nun dem Erhalt des 101 Jahre alten Dehmel-Hauses dienen. Die Finanzierung soll in Zusammenarbeit mit einer weiteren Stiftung erfolgen. Die Entscheidung werde bis zum Sommer getroffen.