Die Werft im Treppenviertel

Hartmut Kirst ließ in seiner Blankeneser Wohnung schon 100 Modellschiffe vom Stapel

Vom Elbufer sind es nur ein paar Stufen bergauf, und eine verwitterte Tafel mit Flaggen aus aller Herren Ländern neben der Wohnungstür weist den Weg: In einer urigen Butze, in zweieinhalb Zimmern einer ehemaligen Kohlenhandlung auf 50 Quadratmetern, ist Hamburgs wahrer "Werftchef" zu Hause. Mehr als 100 Schiffe ließ Hartmut Kirst in den vergangenen Jahren im Blankeneser Treppenviertel vom Stapel - aus winzigen Einzelteilen liebevoll zusammengefügt. Die historischen Modelle zieren Restaurants, Wohnzimmer und natürlich Kontore echter Reeder.

"Moin!", sagt der Hobbybastler und bittet in sein Reich, das origineller und persönlicher nicht sein kann. Die "Regina", eine schmucke dänische Holzyacht für Stückgutfracht auf der Nordsee, ist auch von draußen zu sehen.

Werbezettel, Internetpräsenz oder zumindest ein Schild am Klingelknopf? "Alles Tüdelüdelüüt", befindet Hartmut Kirst. Kundschaft kommt auch so - per Mundpropaganda. Und wer maritime Kunstwerke aus der Hand eines versierten Modellbauers sucht, wird bei dem 70 Jahre alten Rentner fündig.

Und zwar seit 1977. Da zog es den Sozialpädagogen, einen gebürtigen Berliner, in die Treppenwelt Blankeneses.

Seitdem werkelt Hartmut Kirst mit Inbrunst. Früher in Bastelläden und nach deren Aus praktisch nur noch bei Karstadt in der Spielwarenabteilung ersteht er fertige Bausätze. Aufwendigster Auftrag war die "Cutty Sark", ein Tee-Clipper von 1869, seinerzeit eines der schnellsten Segelschiffe der Welt. Aus 6800 Teilen, davon 2200 Kupferplättchen für den Rumpf schuf er in gut 800 Stunden ein Prachtstück, das heute in einem Restaurant als Blickfang dient.

Zwischen 400 und 1300 Euro kostet ein fertiges Schiff von Meisterhand. "Wenn ich im Schnitt auf 3 Euro pro Stunde komme, bin ich schon froh." Für die komplizierten Bauanleitungen sind Sprachkenntnisse hilfreich. Der Mann spricht neben Platt auch Englisch - Flüche auf Afrikaans komplettieren das Repertoire. Und das kam so: Durch eine Kleinanzeige in einem zufällig entdeckten Fachmagazin weckte der Erzieher in einem Heim für schwer erziehbare Kinder sein Fernweh. Von 1969 bis 1971 arbeitete er als Lehrer für deutschsprachige Farmerkinder in Windhuk. Das Faible für Namibia blieb ebenso tief verankert wie die Kontakte zu den ehemaligen Schülern. 39-mal reiste Kirst in den Südwesten Afrikas, auch mit Ehefrau Christa. Dass der Sozialpädagoge früher zudem ein Rockerprojekt in Billstedt begleitete und sich 36 Jahre im Dienste der Schulbehörde um Schülerhilfe kümmerte, sind weitere Facetten eines besonderen Daseins.