Die Stadtteilserie

Tonndorf - Klein Kalifornien in Hamburg

Filmstudios, Pferderanch, Strand und Palmen und die sonnigsten Straßennamen der Stadt. Sogar das Klima ist in Tonndorf milder als drumherum.

Kalifornien in Hamburg? Ja, gibt's denn das? Und ob! Hollywood, Beverly Hills und Venice Beach liegen an Berner Au, Wandse und Rahlau. Eingebettet in die sonnigsten Straßennamen der Stadt. Und nur Insidern als Nabel der Film- und Fernsehwelt, Promi-Viertel, Wassersport-Mekka und Strandparadies ein Begriff. Willkommen in Tonndorf.

Gemessen am UV-Licht strahlt der Stadtteil nur im Sommer mit dem US-Sonnenscheinstaat um die Wette, aber das wiegen Namen wie Sonnenweg, Sonnenwegbrücke, Sonnenredder oder Tonndorfer Strand locker auf. Und machen Lust auf Meer: Auch nach Westerland, Sylt, Hörnum, Fehmarn und Usedom sind Straßen benannt. Sogar das Klima ist prima. Es sei im Sonnenschein-Stadtteil ganzjährig milder als drum herum, sagen Meteorologen.

Ab an den Strand

75 Tonnen feiner weißer Sand sind Anfang Mai 2012 am Tonndorfer Strand angekommen. "Es musste gewaschener Sand sein", sagt Pia Rau vom Verein Freibad Ostende und rückt die Kübel mit den Palmen zurecht. Stammgast Sabine Wegener aus Farmsen ist begeistert: "Das Bad ist optisch noch schöner geworden, die Liegen auf der Terrasse sind neu, und Besucher mit Dauerkarten haben sogar einen Schlüssel."

+++ Name & Geschichte +++

+++ Der Stadtteil-Pate: Norman Raap +++

Das Freibad entstand 1927, als die alte Tongrube einer Ziegelei volllief und im damaligen Wandsbeker Flurplan den Namen Großer Sonnensee erhielt. Seit 1986, als Bäderland es schon schließen wollte, wird das Bad privat finanziert. Die Liegewiese ist 18 000 Quadratmeter groß, geschwommen werden kann auf 45 mal 107 Metern.

Und wer genug geplanscht hat, tobt sich beim Beachvolleyball aus, entspannt auf der Terrasse und beobachtet den Trubel. Abends trainieren hier Kanupoloteams; Viktoria Rau, 25, Tochter der Betreiber, holte schon WM-Silber und war Junioren-Europameisterin.

Stars und Sternchen

Mit etwas Glück lassen sich am Strand Stars aus dem Stadtteil beobachten. Fußballtrainer Holger Stanislawski schwimmt hier gerne und geht am liebsten mit seinem Hund am Kupferteich spazieren. Schauspielerin Claudine Wilde ("Ein Bayer auf Rügen") hatte sogar eine Jahreskarte für sich und ihre Kinder, bis sie jetzt von Tonndorf nach Berlin zog. Auch Regisseur Dieter Wedel hat sein Zuhause zwischen Strand und Sonnenredder. Der frühere Insel-Betreiber und Traberkönig Charles Grendel lebte in einer Villa an der Westerlandstraße, wo für einige Jahre sogar der Schweizer Generalkonsul residierte. Auch Popmusiker Andreas Dorau, der seinen Hit "Fred vom Jupiter" schon als Schüler komponierte, ist eng mit Tonndorf verbunden: Sein Vater Fritz (1911-1988) war Pastor im Stadtteil; nach ihm ist der Doraustieg benannt. Wem Promisgucken zu langweilig ist, der findet am Sonnenweg eine der schönsten und größten Pferdewiesen der Stadt. Ideal auch für kleine Cowboys und Indianer, die auf Tinas Ranch reiten lernen wollen.

Klappe und Action

Die Traumfabrik liegt an der Tonndorfer Hauptstraße, Ecke Jenfelder Allee. Eine Adresse für ganz großes Kino: "Des Teufels General" (1954) und "Die Zürcher Verlobung" (1957) beispielsweise. "Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann war 1957 für den Oscar nominiert. Aus der Real Film GmbH, die Gyula Trebitsch 1948 hier angesiedelt hatte, wurde das Studio Hamburg mit einem Dutzend Film- und Fernsehateliers von 80 bis 1500 Quadratmetern. Im Atelier 3 erfand Michael Schanze ("1, 2 oder 3") Ende 1977 seinen Plopp ("Plopp, das heißt Stopp!"), dort entstanden Innenaufnahmen für "Schwarzwaldklinik" "Diese Drombuschs" und "Traumschiff".

+++ Bekannte Söhne +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Zahlen & Fakten +++

Heute ist Studio Hamburg Tonndorfs größter Arbeitgeber und eine Stadt für sich mit Tischlerei, Schlosserei, Näherei, Malsaal sowie 858 festen Mitarbeitern und 280 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Für den Eurovision Song Contest in Baku wurden Bühne und Green Room gefertigt und in 25 Containern nach Aserbaidschan geliefert. "Made in Tonndorf" sind Tische und Technik auch bei "Tagesschau", "heute" und dem Sender N24. Kulissen baut Studio Hamburg für Stage-Musicals wie "Tarzan" und "Sister Act". In Tonndorf stehen die Sesamstraßenstars (Elmo, "Eine Möhre für zwei") im Studio A 2 ebenso vor der Kamera wie Reinhold Beckmann im Atelier 12 für seine Talk- und Cornelia Poletto für ihre Kochshow. Auch "Drei bei Kai" im neuen Atelier 1, "Star Quiz" und die Neuauflage von "Dalli Dalli" mit Kai Pflaume im Atelier 3 sowie "Britt" im Studio M sind Dauerbrenner. Dazu kommen Kino- und Werbefilme sowie TV-Serien, wie der Grimmepreis-gekrönte "Tatortreiniger", die NDR-"Tatorte", "Notruf Hafenkante" und "Der Dicke". Im Angebot sind Produktion, Synchronstudios, Sendetechnik - und "Sprungbretter" für große Karrieren: Florian Gallenberger ("John Rabe") gewann 1999 erst den Studio-Hamburg-Nachwuchspreis an der Wandse und 2001 - ebenfalls für "Quiero ser" - den Oscar in Los Angeles.

Die Filmkantine gilt nicht als Oscar-verdächtig - der Treffpunkt für Genießer liegt um die Ecke: bei Fisch Eichrodt, wo schon Inge Meysel, Horst Frank und Stars aus dem "Großstadtrevier" gebratene Filets, Räucherfisch und hausgemachte Salate genossen. Die Autogrammwand neben der Theke steht für ein halbes Jahrhundert Film- und TV-Geschichte.

Und jetzt: das Wetter

Eines der jüngsten Unternehmen ist das Institut für Wetter- und Klimakommunikation. 2011 zog TV-Meteorologe Frank Böttcher mit 16 Mitarbeitern ins Studio Hamburg. Sein Team macht für sieben TV- und ein Dutzend Radiosender den Wetterbericht. Böttcher: "Tonndorf ist perfekt für uns. Entscheidend war, dass die Medientechnik vor Ort ist. Es ist ein grüner Stadtteil, und die Büromieten sind im Vergleich zur City einigermaßen erträglich." Ganz zu schweigen vom Wetter! Böttcher: "Tonndorf liegt klimatisch genau in der Hamburger Mitte. Durch den Stadtklima-Effekt ist es in der City in klaren und windstillen Nächten fünf bis sechs Grad wärmer als im Umland. Über das Jahr betrachtet heißt das für Tonndorf: Im Winter ist es hier morgens nicht so kalt wie im Umland, im Sommer wird es nicht so heiß wie im Stadtzentrum."

Dinner bei Tarantino

Wem der Weg ins berühmte Monterey Bay Aquarium am Pazifik zu weit ist, der findet im Aquarium Tonndorf seit 1971 ein zoologisches Einkaufsparadies - vom Lebendfutter bis zur Aquarienanlage sowie 360 Süßwasserfischarten und auch etliche Meerwasserfische.

Je südlicher, desto mexikanischer - das gilt nicht nur für Kalifornien. An der Grenze zu Jenfeld steht das Café del Sol, ein Kolonialhaus mit Veranda, Latin Music und Deckenventilatoren. Serviert werden Carmel Beach Salad, California Chicken und Cashew-Sauerrahmeis auf Erdbeerpüree mit Minze. Das beste Eis gibt's im Eiscafé Röhling: seit Generationen ein In-Treff mit immer neuen Sorten wie Chili-Schoko, Mascarpone-Feige und Ricotta-Orange.

Kaliforniens Motto "Auffallen um jeden Preis" gilt auch für Tonndorf. Die Vorliebe für originelle Namen ist groß - egal ob Windelflitzer (Babykleidung), Schlemmerfee (Catering), Um Haaresbreite (Friseur), Schwarzmarkt (Reitsport), Tarantino (Osteria), Schlusslicht (Kneipe) oder auch: Nagel (Grabmale).

In der nächsten Folge am 27.6.: Duvenstedt