Abendblatt-Serie

Rahlstedt, die Stadt in der Großstadt

Das alte und das neue Rahlstedt am Helmut-Steidl-Platz

Das alte und das neue Rahlstedt am Helmut-Steidl-Platz

Foto: Andreas Laible

Das Abendblatt vergleicht Stadtteile am äußersten Rand Hamburgs mit angrenzenden Gemeinden. Heute: Rahlstedt und Stapelfeld.

Zwischen Rahlstedt und dem Kreis Stormarn liegt das Stapelfelder Moor. Mit einem Bruchwald aus Erlen und Birken und einem unzugänglichen Weiher trennt das Moor zwei Lebensräume: Hamburgs größten Stadtteil mit fast 88.000 Einwohnern und das ländlich geprägte Stapelfeld. Während auf der einen Seite alte Bauern- und Reiterhöfe stehen, erstreckt sich auf der anderen ein weitgehend zusammenhängendes Villengebiet. Es wirkt zwar auf den ersten Blick fast genauso beschaulich wie Stapelfeld. Aber weil sozial weniger gut gestellte Viertel wie Großlohe ebenfalls dazu gehören, ist die Sozialpolitik in Rahlstedt besonders herausgefordert.

Rahlstedts Gesicht hat der Bahnhof geformt

So offensichtlich die Unterschiede sind, so viel Gemeinsames gibt es in der Historie, denn sowohl Rahlstedts Gesicht als auch die Entwicklung des Kreises Stormarn hat sich erst durch die Eisenbahn und später durch den Autobahnanschluss der A 1 (Abfahrt Stapelfeld) gewandelt. Während die Veränderungen in Stapelfeld sich bis heute langsamer vollziehen, brachte das Jahr 1893 für das heutige Rahlstedt die erste Zäsur. „Früher“, sagt Horst Schwarz, Vorsitzender des Rahlstedter Bürgervereins, „gab es hier vier bis fünf Bauernorte. „Doch dann wurde die Bahn gebaut. Das hat dazu beigetragen, dass immer Menschen hierher gezogen sind.“ Rahlstedt erhielt einen eigenen Bahnhof, an den noch heute die Rahlstedter Bahnhofsstraße erinnert. Um die Jahrhundertwende kamen pfiffige Hamburger auf die Idee, den Bauern billiges Land abzukaufen. Auf den Grundstücken boten sie dann schlüsselfertige Villen zum Verkauf an. Sie stehen bis heute und prägen das äußere Bild eines idyllischen Stadtteils. „Trotz seiner Größe ist Rahlstedt ein Stück weit Dorf geblieben. Man kennt sich, es gibt ein reges Vereinsleben. Das schafft Heimat und macht Rahlstedt zu einem liebenswerten Stadtteil in der Millionenstadt Hamburg“, sagt der Rahlstedter SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Ole Thorben Buschhüter.

Die Sängerin Nena („99 Luftballons“) wohnt ebenso in Rahlstedt wie die Schauspieler Hans Peter Korff („Diese Drombuschs“) und Till Demtrøder („Großstadtrevier“) sowie Hamburgs Innensenator Michael Neumann (SPD) und seine Ehefrau, Staatsministerin Aydan Özoğuz (SPD). Sie wissen das Grün und die Nähe zu den Ausflugszielen in Schleswig-Holstein zu schätzen.

Manchmal spielen sich in Rahlstedt aber auch Provinzpossen ab: Einmal wollten die Kommunalpolitiker und Kaufleute mediterranes Flair ins Zentrum des Stadtteils holen, dorthin, wo vor gut 12.000 Jahren während der letzten Eiszeit noch Gletscher standen. Aber die rund 15.000 Euro teuren Palmen wurden nicht rechtzeitig vor der Kälte geschützt – und gingen ein. Nach endlosen Debatten, sagt Schwarz, wurden schließlich Säuleneichen gepflanzt.

Diplom-Kaufmann Schwarz wohnt seit Jahrzehnten in Rahlstedt, und das sehr gern. Er lobt die „wunderbaren und ausreichenden Kita-Angebote“, das Freibad und das Hallenbad, die Betreuungsmöglichkeiten für Senioren. „Rahlstedt bietet viel Lebensqualität.“ Und hilft Flüchtlingen: Dutzende von Ehrenamtlichen unterstützen die Migranten, die im gelben Containerdorf an der Rahlstedter Straße wohnen. Diese Hilfsbereitschaft hat sogar den Sprung in die ARD-„Tagesthemen“ geschafft.

Wären da nicht die Abende, in denen das öffentliche Leben im Zentrum Rahlstedts fast zum Erliegen kommt. Zwar fahren die Einwohner gern ins Rahlstedt Center zum Einkaufen. „Aber danach hauen sie wieder ab“, klagt Jens Seligmann vom Bürgerverein. Hoffnung setzt der Bürgerverein nun wenigstens auf einen Biergarten, der gegenüber des Schweinske entstehen könnte, und auf ein neues Kulturcafé am Güstrower Weg. „Wir müssen den Branchenmmix verbessern und mehr Gastronomie ansiedeln“, sagt Horst Schwarz. „Aber zwingen kann man niemanden.“ Um ehrlich zu sein, fügt Schwarz hinzu: „Wenn wir selbst mal gut essen wollen, fahren wir nach Ahrensburg. Dort ist das gastronomische Angebot breiter aufgestellt als bei uns in Rahlstedt.“

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