TV-Experiment

Familie Heisler verzichtet fünf Tage einfach mal auf alles

NDR Fernsehen WIE VIELE DINGE BRAUCHEN WIR WIRKLICH?, am Montag (24.06.19) um 22:00 Uhr. Familie Heisler in ihrem Haus in Hamburg, nachdem es komplett leer geräumt worden ist. © NDR, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung "Bild: NDR" (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

NDR Fernsehen WIE VIELE DINGE BRAUCHEN WIR WIRKLICH?, am Montag (24.06.19) um 22:00 Uhr. Familie Heisler in ihrem Haus in Hamburg, nachdem es komplett leer geräumt worden ist. © NDR, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung "Bild: NDR" (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

Foto: NDR

Familie aus Sasel hat sich freiwillig das Haus leer räumen lassen. Ihr Ziel: Erfahren, welche Dinge wirklich wichtig sind.

Hamburg.  Handy weg, Möbel weg, Geschirr weg, Klamotten weg, Kühlschrank weg: Die Familie Heisler aus Sasel hat sich freiwillig das Haus leer räumen lassen. Fünf Tage lang dauerte das ungewöhnliche Experiment, das den drei Heislers einiges abverlangte. Es sollte die Frage beantworten, was wir eigentlich wirklich brauchen von den vielen Dingen, die uns umgeben. Was ist wichtig? Worauf können wir verzichten? Die Heislers haben verzichtet, aber sie haben auch etwas gewonnen: die Erkenntnis, dass weniger mehr sein kann.

Nachdem drei ihrer Kinder bereits ausgezogen sind, wohnen Mutter Solveig, Vater Stephan und Tochter Riikka in einem 105 Quadratmeter großen Haus mit sechs Zimmern. Sie besitzen rund 6000 Dinge, darunter 1186 Kleidungsstücke und 423 CDs. Allein der Bekleidungsfundus von Solveig umfasst 60 Langarm-T-Shirts, was selbst ihre Kinder immer wieder in Erstaunen versetzt. Trotz dieser vielen Dinge liegt Familie Heisler noch unter dem Bundesdurchschnitt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes horten die Deutschen rund 10.000 Dinge in ihren vier Wänden.

Nicht einmal die Betten sind den Heislers geblieben

Womöglich wäre die Zahl der eigenen Utensilien, Möbel und sonstigen Dingen bei Familie Heisler in den vergangenen Monaten weiter gestiegen – wie das bei jedem durchschnittlichen Konsumenten der Fall. ist. Doch vor einem Jahr konnte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die beiden kaufmännischen Angestellten, 55 und 54 Jahre alt, sowie die damals 17 Jahre alte Schülerin für ein Projekt gewinnen: Wie viele Dinge brauchen wir wirklich?, lautete die Frage, die von den beiden TV-Autorinnen Kira Ganter und Lisa Maria Hagen gestellt wurde. An diesem Montag läuft er auf N3.

Ein Jahr nach den Dreharbeiten sagt Stephan Heisler dem Abendblatt: „Meine Frau und ich kaufen heute eindeutig weniger Sachen. Wir überlegen länger, was wir einkaufen wollen.“

Die Spielregeln, denen sich die drei Hamburger fünf Tage lang beugen mussten, waren hart. Sehr hart. Mindestens eine Nacht mussten sie auf dem blanken Fußboden verbringen, ganz ohne Decke oder Kissen und mit Alltagsklamotten bekleidet. Das ganze Haus, bis auf Keller und Dachboden, hatte ein Umzugsunternehmen ausgeräumt. Geblieben waren nur noch Zahnbürste und die wichtigsten Hygiene- und Gesundheitsartikel, aber weder Deo noch Shampoo. Wie zum Hohn standen alle Habseligkeiten der Saseler nur wenige Meter entfernt auf der Straße im Container verpackt. Verschlossen, 167 Umzugskisten und 96 Möbelstücke. Während dieser Zeit wohnten die drei weiter in ihrem ausgeräumten Haus und setzten ihren ganz normalen Alltag fort.

Heislers müssen sich für einen Gegenstand entscheiden

„Viel Spaß mit nix!“, rief ein Umzugshelfer den drei Teilnehmern des Experiments zu, deren wohl einzige Hoffnung darin bestand, neue Erfahrungen zu sammeln und nach fünf Tagen wieder ins gemachte Nest zurückzukehren. Es wurden fünf lange Tage.

Am ersten Tag durften die Heislers jeweils einen einzigen Gegenstand aus dem Container nehmen, am zweiten Tag waren es schon zwei und am letzten immerhin fünf. „Was wird das Wichtigste sein?“, fragte sich Riikka und entschied sich am ersten Tag nicht für ihr innig geliebtes Handy, sondern für Shampoo, weil sie fettige Haare habe. „Das ist wie Geburtstag“, sagte sie, als sie ihren Kosmetikartikel wieder in Besitz nehmen durfte.

Ihre Mutter wählte am ersten Tag eine Matratze, damit sie nicht mehr auf dem harten Fußboden schlafen musste. Ihr Vater nahm sich den Autoschlüssel. Er ist kein Fan des ÖPNV und fährt lieber 20 Minuten mit dem Auto ins Büro als eine Stunde lang im überfüllen Bus. Derweil versuchte Familie Heisler mit Händen und Fingern zu essen, denn das Geschirr war natürlich auch einkassiert worden, aus Joghurtbechern zu trinken und ein Stück gegrilltes Fleisch zu verspeisen.

In dem Fernsehbeitrag kommen auch Historiker, Sozialforscher und Konsumexperten zu Wort. „Die Dinge beherrschen uns“, sagt Frank Trentmann, Professor für Geschichte am Birkbeck College der Universität London. Und der Soziologe Hartmut Rosa beobachtet, dass die Menschen viele Dinge kaufen, ohne sie je zu konsumieren. „Um glücklicher zu sein, müssen wir aber die Dinge gebrauchen“ – also auch wirklich zu konsumieren.

Riikka tauscht Handy gegen eine Decke

Konsumieren ist kein Problem, wenn man wenig hat. Am zweiten Tag des Experiments entschied sich Stephan Heisler für einen Wasserkocher und ein Handtuch, seine Frau für ein Kissen und Unterwäsche, die Tochter fürs Handy und das Sofa. Alles wurde benutzt. Am Abend lag Riikka ganz entspannt auf dem Sofa und sah sich einen Film an. Bemerkenswert war, dass die 17-Jährige das Handy am nächsten Tag wieder abgab und gegen eine Decke tauschte. Das Handy nerve, sagt sie.

Am Ende der fünf Tage sagt Solveig Heisler: „Ich kann auf ziemlich viel verzichten.“ Tatsächlich hat die Familie das Experiment genutzt, um sich danach von vielen Dingen zu trennen, auf Flohmärkten zu verkaufen und Kleidung zu spenden. „Wir bringen aus unserem Urlaub auch keine Souvenirs mehr mit“, sagt Stephan Heisler ein Jahr nach den Dreharbeiten.

Seitdem trage er übrigens nur noch schwarze Kleidung. Da müsse man nicht lange überlegen, was man anziehe. „Und schwarz ist auch ganz schön.“

„Wie viele Dinge brauchen wir wirklich?“, an diesem Montag um 22 Uhr auf N3